Pyta³em decydentów MFW, jakie maj± dowody na to, ¿e ich neoliberalna polityka jest w³a¶ciwa. Odpowiadali, ¿e nie potrzebuj± dowodów. Wygl±da³o to tak, jakby chodzi³o im nie o politykê, lecz o religiê. Ale to tylko czê¶æ odpowiedzi. Forsowali tak± politykê tak¿e dlatego, ¿e chcia³o jej Wall Street. Niestabilno¶æ, kryzysy, ³±czenie firm, dzielenie firm to raj dla sektora finansowego, który robi na tym ogromne pieni±dze.
Joseph E. Stiglitz
S³awomir Sierakowski spricht mit Henryka Krzywonos, Aktivistin der Solidarno¶æ und „Polin des Zweijahrzehntes” laut Kongress der Polnischen Frauen 2009. Einführung von Timothy Snyder. Der Text wurde in „Transit: Europäische Revue” nr. 37/2009 veröffentlicht. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky.
Sobald ein Ereignis abgeschlossen ist, bleibt nur noch seine Kontur
sichtbar, wie der Panzer einer von der See ausgewaschenen Krabbe. So
wird auch die Geschichte der Solidarno¶æ, die niemals wirklich
geschrieben, aber immer politisch ausgebeutet wurde, zunehmend
oberflächlich, starr und abstoßend. Das hier abgedruckte Gespräch mit
Henryka Krzywonos gibt dem Ereignis ein wenig von seiner Lebendigkeit
zurück. Es hilft uns, die Solidarität, die friedliche Revolution von
1980-89, vom heutigen Polen zu trennen und so beides besser zu
verstehen.
Henryka Krzywonos wurde zu einer historischen Figur durch das, was sie
1980 und danach tat. Sie war eine Straßenbahnfahrerin, und sie
beschloss, ihre Tram vor der Danziger Oper zum Stillstand zu bringen,
um den Verkehr zu blockieren. Als sie es tat, applaudierten die
Fahrgäste. Hätte sie es nicht getan, niemand hätte sich beklagt. Es gab
einen Moment persönlicher Wahl, einer angstgeplagten Wahl, in einem
historisch kritischen Moment. Durch ihre Entscheidung machte Henryka
Krzywonos Geschichte: Sie initiierte den Streik des öffentlichen
Verkehrs, der einen entscheidenden Schritt in der Eskalation des
Werftarbeiterstreiks zum nationalen Ereignis bedeutete.
Henryka Krzywonos ist ein typisches Kind der Arbeiterklasse. Der Streik
auf der Lenin-Werft im August 1980 brachte sie mit Intellektuellen
zusammen wie etwa Bogdan Borusewicz oder Jacek Kuroñ. Ihre Beschreibung
Lech Wa³êsas heroisiert ihn nicht, sondern stellt ihn als jemanden dar,
der Menschen zu mobilisieren und auf ein Ziel einzuschwören vermag.
Ihre Charakterisierung klingt echt und plaziert Wa³êsa dort, wo er
hingehört: in die Mitte, nicht unbedingt an die Spitze der Ereignisse.
Die Gruppe von Menschen, von denen sie erzählt, erinnert uns auch
daran, dass nicht jeder, der damals eine Rolle spielte, dies auch heute
noch tut. Einige sind gestorben, andere vergessen.
Ihr Leben verbindet die furchtbaren Repressionen unter der deutschen
und der sowjetischen Okkupation Polens mit der Gegenwart, nicht
vermittels großartiger Theorien, sondern kraft Familienerfahrung. Wie
die Kindheit von Millionen von Polen, war auch die ihre gezeichnet vom
Leid der Eltern – ein Leid, das die Eltern nie voll artikulierten und
das ihre Kinder erst viel später begriffen. Diese Pathologie (so ihre
eigene Wahrnehmung) schuf eigensinnige Loyalitäten und führte,
zumindest in ihrem Fall, zur Verabscheuung von Gewalt. Die Solidarno¶æ
war, neben vielem anderen, der Versuch, ein auf Gewalt gegründetes
System gewaltlos zu ändern. Das ist freilich nur eine negative
Definition. Das weiche und lebendige Zentrum der Bewegung, jener Teil,
der am schwierigsten zu erfassen und zu beschreiben ist, war der
menschliche Impuls der Solidarität: die Bereitschaft, sich gegenseitig
anzuerkennen, und der Wille, einander zu helfen. Von Solidarität in
diesem Sinne ist Henryka Krzywonos’ Leben getragen, heute wie damals.
Timothy Snyder
Interview [1]:
S³awomir Sierakowski:Krzywonos ist Ihr Vatername?
Henryka Krzywonos: Nein, das ist der Nachname meines ersten Mannes.
So hieß der Kosakenhetman, einer der Anführer des
Chmielnicki-Aufstandes, der in »Feuer und Schwert« verewigt ist. Er war
für seine besondere Verwegenheit berühmt.
Ich weiß, ich bin auch so. Vielleicht, weil ich im Gefängnis zur Welt
gekommen bin. Meine Mutter hat unter Stalin gesessen. Verurteilt nach
diesem Paragraphen »Absichtliches Verschweigen«.
Was heißt das?
Sie hat wegen meines Vaters gesessen, er war im Gefängnis gewesen und
ist dann abgehauen. Und meine Mutter hat ihn nicht verraten. Er war im
Gefängnis, weil er sich ein bisschen in Politik eingemischt hatte, aber
ich hab keine Ahnung, weshalb genau.
Ihr Vater hat nichts erzählt?
Bei uns wurde ganz wenig über dieses Thema geredet. Mein Vater war aus
Wilna, er hat in drei Konzentrationslagern gesessen, in Dachau,
Buchenwald und Birkenau, aber man konnte kaum etwas darüber aus ihm
herauskriegen. Wenn er einen Gefühlskoller kriegte, im Rausch, dann hat
er erzählt. Tragische Geschichten. Dass ich im Gefängnis geboren wurde,
habe ich mit sieben Jahren erfahren, und ganz durch Zufall. Heute
verstehe ich das Ganze, ich kann es mir zusammenreimen und verstehe
meinen Vater, es wundert mich nicht einmal mehr, dass er trank. Als er
aus dem Lager kam, wog er 28 Kilo, ein stattlicher, kräftiger, gut
aussehender Mann, der als Wrack aus den Lagern kam.
Durch welchen Zufall haben Sie erfahren, dass Sie im Gefängnis geboren sind?
Ich erfuhr, dass mein Vater aus dem Gefängnis geflüchtet war. Aus
seinem Versteck ist er dann schnell nach Haus gerannt. Sie sind ja noch
sehr jung, Sie können das nicht wissen, aber früher gab es einen
Zwei-Z³oty-Geldschein. So einen Zwei-Z³oty-Schein legte er auf den
Tisch, dann sprang er aus dem Fenster. Jemand verpfiff ihn, und meine
Mutter haben sie eingelocht, diese zwei Zloty hatten verraten, dass sie
ihn versteckt hielt. Sie war schwanger. Meine Brüder kamen ins
Kinderheim, und ich kam im Gefängnis zur Welt.
Mein Vater hat sich nie mehr gefangen. Zehn Tage im Monat war er
nüchtern, zwanzig betrunken oder im Rausch, wie man so schön sagt,
unser Leben war sehr hart. Im Konzentrationslager hatte er verschiedene
Berufe gelernt, er war ein sehr guter Friseur und ein Tausendsassa, er
konnte alles, aber er hatte Asthma und tat kaum etwas. Doch wenn er mal
arbeitete, dann mussten wir Kinder mit ran. Einmal arbeitete er als
Heizer, da gingen wir Koks schaufeln. Meine Mutter schuftete damals
auch hart, sie arbeitete in einer LPG, bei der Kartoffelernte, da
mussten wir auch mit.
Wo haben Sie gewohnt?
Damals wurden Leute von außerhalb in Danzig nicht gemeldet, und meine
Mutter war aus Warschau, sie war wegen meines Vaters hierher gekommen.
Wir wohnten in einer Kammer bei meiner Großmutter, und wir mussten eine
Wohnung suchen. Am ersten Juli 1959, am Halina-Tag, dem Namenstag
meiner Mutter, zog sie auf eigene Faust zu meinem Vater, und da sie
sich eine Arbeit besorgt hatte – als Straßenfegerin – durfte sie dort
bleiben. Anmelden konnte sie sich aber erst Mitte der sechziger Jahre.
Wir waren damals schon drei Kinder, die Lage war schwer. Wenn sie den
Boden aufgewaschen hatte, legte meine Mutter Papier drauf, damit er
trocknete. Anstatt eines Sofas oder Betts waren Ziegel da, darauf lagen
Strohsäcke zum Schlafen. Und an Heiligabend, wenn andere Leute
Weihnachtslieder sangen, sang mein Vater russische Lieder. Er war ein
seltsamer Mensch. Er zeigte uns nie, ob er uns lieb hatte, so was gab
es bei uns gar nicht. Wenn er im Rausch war und etwas aus seinem Leben
erzählte, dann immer nur als Warnung für uns. Er erzog uns zu
rebellischen Menschen. Ich rebellierte gegen alles. In der Schule hatte
ich Probleme mit Russisch, ich wollte es nicht lernen. »Warum willst du
nicht russisch lernen?« fragte meine Lehrerein. »Was soll ich denn mit
so einem Russki reden?« hab ich geantwortet.
Hat Ihr Vater zu Hause russisch gesprochen?
Ein bisschen ja. Ich verstehe Russisch bis heute. Mit dem Reden geht es
schlechter, aber damals, das war Auflehnung, wir wollten diese Sprache
nicht lernen.
Ihre Brüder wurden schließlich aus dem Kinderheim geholt?
Ja klar, meine Mutter kam aus dem Gefängnis und holte die Kinder nach
Hause. Sie war eine sehr anständige Frau und arbeitete hart. Sie
arbeitete in einem Betonwerk, da musste sie Wagen mit Steinen, mit
Zement ziehen. Es wurde richtig tragisch. Oft war kein Brot im Haus.
Und dann starb mein Vater.
In welchem Jahr war das?
1966. Damals fing meine Mutter an zu trinken. Ich musste mich um sie
und meine Schwester kümmern, die noch zu Hause war. Da kam ich wieder
ins Kinderheim. Das hatte ich mir selbst so eingerichtet. Ich hatte
eigentlich mit meiner Schwester gehen wollen, aber das erwies sich als
unmöglich, weil meine Mutter bei Gericht angegeben hatte, dass sie uns
nach Haus holt. Ich legte Einspruch ein und sagte, ich würde bleiben,
deshalb wurde ich in ein Kinderheim eingewiesen.
Und Ihre Schwester blieb bei der Mutter?
Ja, meine Schwester blieb bei meiner Mutter, sie bekam einen Vormund.
1970 zog ich zurück nach Hause und kümmerte mich um meine Schwester.
Ich musste mir eine Arbeit suchen. Zuerst habe ich in der Danziger
Hafenbehörde geputzt. Sie kriegten schnell raus, dass ich einen
Lehrgang als Stenotypistin gemacht hatte und gut tippe. In der
Hafenbehörde bekam ich Arbeitsaufträge und eine Maschine, und nachts
tippte ich, um etwas zu meinem Lohn dazuzuverdienen. Dann ergab sich
die Gelegenheit zu einem Lehrgang als Straßenbahnführer. Dazu hat mir
ein Mann verholfen, der bei uns in der Straße wohnte, Jan Szulc, soll
seine Seele im Paradies wandeln. Mit achtzehn bekam ich einen Platz in
dem Kurs, ich bestand ihn und wurde Straßenbahnführerin.
Gab es viele Straßenbahnführerinnen?
Nicht viele, aber einige. Ich war schlagfertig und abgebrüht, Kinder
aus pathologischen Familien finden sich manchmal gut im Leben zurecht.
Ich wusste, dass ich mit meiner Mutter, ja mit der ganzen Welt würde
kämpfen müssen, wenn ich meiner Mutter helfen wollte, und mir selbst
auch, denn bei uns zu Hause war die Lage kritisch, wenn ich nach Hause
kam, saß ihre ganze Kumpanei um den Tisch. Manchmal musste man die
Leute einfach rausschmeißen. Meine Schwester ging in die Schule, ich
zur Arbeit.
Wie viel jünger ist Ihre Schwester als Sie?
Acht Jahre. Kinder wie wir müssen immer kämpfen, um durchzukommen. Ich
dachte immer, ich sei schlechter als die anderen, als Kind war ich nie
so angezogen wie es sich gehörte. Zum Beispiel am Kirchweihtag an der
St. Hedwigs-Kirche. Das ist eine Kirche in Danzig, wo immer viele Buden
bei der Kirchweih sind, und man kann etwas gewinnen. Diese Kirchweih
ist am 15. Oktober, es ist also schon kalt. Meine Freundinnen hatten
alle schon Mäntel an und warme Stiefel, während ich in Turnschuhen und
Pullover oder einer alten Jacke von meinen Brüdern herumlief. Das sind
Situationen, die ein Mensch nicht vergisst, ich habe immer gemeint, ich
sei schlechter als die anderen. Wenn eine Freundin damit angab, was
ihre Mutter zu Mittag gekocht hatte, erzählte ich, bei uns hätte es
Kotelett oder Hühnchen gegeben. Ich lernte einfach zu lügen.
Um die Würde zu wahren?
Ja, um meine Würde zu wahren. Später, als ich schon in beim WPK (den
Verkehrsbetrieben der Küstenregion) arbeitete, half mir Herr Janek, der
immer auf meiner Seite stand und mich einfach gern mochte, er wusste
genau, in welcher Situation ich war, er kannte meine Eltern. Eine
Zeitlang habe ich meine Mutter unterstützt, als sie mit dem Trinken
aufhören wollte und allmählich wieder zu einem normalen Leben
zurückfand. Ich gab ihr fast meinen ganzen Lohn, für mich selbst
behielt ich nur ein paar Groschen. Er wusste, wenn ich am nächsten Tag
zur Arbeit kam, würde ich Hunger haben. Dann brachte er belegte Brote
mit und legte sie so in meine Tasche, dass niemand es mitbekam. Das war
ein wunderbarer Mensch, ich kann mich noch gut an ihn erinnern. Er war
besser als mein Vater, von meinem Vater habe ich nur den Gürtel zu
spüren bekommen. Heute sage ich immer, dass mich das sehr abgehärtet
hat, aber ich bin gegen das Schlagen von Kindern, ich meine, es sollte
ganz verboten werden, Kinder zu schlagen. Das weckt nur Aggressionen,
ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich habe zu meinem Vater nie gesagt
»Entschuldigung«, denn ich wusste, dass ich für etwas geschlagen wurde,
was ich nicht getan hatte. Dafür, dass ich am falschen Ort gewesen war,
dafür, dass ihm etwas schiefgegangen war. Wenn ich heute von all diesen
Fällen von Brutalität höre, dann packt mich der Zorn. Es ist für mich
unfassbar, dass ein Elternteil einem Kind so etwas zufügen kann, dabei
bin ich mit dem Gartenschlauch verprügelt worden, wenn Sie sich das
vorstellen können. Irgendwo habe ich gelesen, dass Tusk körperliche
Züchtigung von Kindern ganz unter Strafe stellen will. Wenn er das
macht, hat er meine volle Unterstützung.
1970 sind Sie aus dem Kinderheim nach Hause gekommen, 1973 sind Sie
Straßenbahnführerin geworden und haben angefangen, beim WKP zu
arbeiten. Und Freunde, Bekannte? Hatten Sie einen Freundeskreis?
Ich hatte keinen Freundeskreis. Ich bin immer nur herumgehetzt, um Geld
zu verdienen. Ich hab versucht, so viele Stunden wie möglich zu machen,
beim WKP verdiente man nicht gut. Da musste man 400 Stunden im Monat
machen, um anständig zu verdienen.
Waren Sie in der Partei?
Nein. Mein Kontakt mit dem Apparat beschränkte sich auf zwei von der Gewerkschaft organisierte Ausflüge zum Pilzesammeln.
Warum wollten Sie nicht Mitglied werden?
Man hat es mir vorgeschlagen. Aber es reizte mich nicht. Bei uns zu Hause wurde das völlig abgelehnt.
Ihre Eltern waren antikommunistisch?
Ja, total antikommunistisch, von Anfang an. Wenn mein Vater betrunken
war, riss er manchmal nachts das Fenster auf und beschimpfte die
»Roten« aufs wüsteste. Einem Kind bleiben solche Dinge haften. Auch das
schlechteste Elternteil ist doch ein Vorbild für ein Kind. Außerdem
hatte ich eine Lehrerin in der Schule, Frau Baranska, sie war sehr
scharfzüngig. Sie unterrichtete bei uns Geschichte, dabei war sie
unglaublich direkt, sie sagte die Wahrheit.
Was zum Beispiel?
Na ja, alles, auch über Katyn.
Über Katyn?
Über Katyn, über alles mögliche. Ich ging gern zu ihr nach Hause. Wir
waren eine ganze Gruppe, die sie regelmäßig besuchte. Von ihr habe ich
auch erfahren, dass nicht nur die Deutschen Polen angegriffen haben,
sondern dass die Sowjetunion auch daran beteiligt war. Von ihr habe ich
auch über diese fünf Tage gehört, an denen die Russen alles durften,
sie haben polnische Frauen vergewaltigt, und wenn ihnen etwas nicht
gefiel, haben sie Leute umgebracht. Wenn sie nicht trank, konnte man
mit meiner Mutter reden. Sie war ein sehr geselliger, umgänglicher
Mensch. Einmal, als mein Vater vom Lager erzählte, hat meine Mutter
gesagt: »Ich hab in Warschau auch einiges mitgemacht.« Sie war aus
Warschau, dort war sie geboren und aufgewachsen. »Ich ging schmuggeln.
Hört zu. Es war Winter, Schnee bis zur Hüfte, wir gehen durch ein
Roggenfeld…« Was für ein Quatsch, hab ich gedacht, im Winter durchs
Roggenfeld?! Ich erzählte das der Baranska, und die sagte: »Kind, das
ist die Wahrheit. Die Menschen haben das Getreide nicht geerntet. Der
Roggen stand noch, und sie hatten zusätzliche Deckung, wenn sie durch
das Feld gingen.« Das war ein wunderbarer Mensch. In der Schule hat sie
nicht viel gesagt, das konnte sie ja nicht, aber sie hat uns zu sich
nach Hause eingeladen. Heute ist mir klar, dass sie dafür hätte ins
Gefängnis gehen können, die hätten alles mögliche mit ihr machen
können….
Gegen die Partei waren Sie also geimpft. Und die Gewerkschaften?
Wissen Sie, das war so eine Zeit, da wurde man Mitglied bei der Gewerkschaft, ob man es wollte oder nicht.
Schützten diese die Arbeiter irgendwie?
Ganz und gar nicht. Es gab einen Betriebsrat, mit dem ich Probleme
hatte. Das sah so aus, dass meine Kollegen sagten: »Bei der
Versammlung, da werd ich’s denen schon zeigen.« Sie kamen zur
Versammlung, setzten sich hin und – Stille. Aber Henka natürlich, die
Dumme, stellt sich hin und macht das Maul auf, egal, ob in eigener oder
nicht eigener Sache, und dann gab es immer eins auf den Deckel.
Manchmal haben sie mir die Prämie gestrichen, weil ich Schnauze
riskiert hatte, manchmal bekam ich eine andere Straßenbahnlinie
zugewiesen. Jedenfalls war es so, dass wir nicht selten die Arbeit
niederlegen wollten, nicht unbedingt wegen der Bezahlung, sondern eher
wegen der katastrophalen Arbeitsbedingungen. Als ich anfing zu fahren,
schlossen sich die Straßenbahntüren noch nicht selbsttätig, sondern die
Fahrgäste mussten sie schließen. Ich bekam die Linie 3, die fuhr da
entlang, wo heute das Denkmal der Werftarbeiter steht.
Da war eine Schleife?
Ja. Man kam an, fuhr eine Schleife und wieder zurück. Dort sammelten
sich die Werftarbeiter, nach der Arbeit. Sie hingen wie Trauben an der
Straßenbahn, deshalb fuhr man ganz langsam. Der Fahrer saß auf einem
runden Sitz, von den Fahrgästen nur durch eine Schranke getrennt. Wenn
man langsam fuhr, regnete es Beschimpfungen. Wenn man zu schnell fuhr,
musste man aufpassen, dass keiner runterfiel, denn man hatte die
Verantwortung. Beim Losfahren mussten die Türen geschlossen sein, aber
die Türen flogen oft wieder auf, die Stromabnehmer rissen ab… Wenn der
Schaden groß war, stand die ganze Linie still, das kam auch vor. Dann
hieß es »Scheiße« von allen Seiten, »fahr doch Kartoffeln aus« und so.
Sie scheuten nicht davor zurück, einem eins auf die Rübe zu geben.
Haben Sie sich gewehrt?
Ich bin keinem was schuldig geblieben.
Daran habe ich keinen Zweifel.
Dabei war es dem Fahrer verboten, mit den Fahrgästen zu sprechen.
Natürlich.
Aber ich muss Ihnen sagen, am schlimmsten war es, wenn diese Türen
wirklich nicht zugingen. Sobald wir am Ende der Schicht ins Depot
kamen, meldeten wir es, der Leiter kam raus und sagte: »Was kann ich
denn dagegen machen?« Ich hatte eine Kollegin, die hatte ein kleines
Kind. Einmal sagte sie: »Tut mir leid, aber ich muss jetzt nach Hause,
nach Rumia und mein Kind im Kindergarten abholen.« Der Leiter sofort:
»Verpiss dich in deine Bahn und fahr los!« Sie bricht in Tränen aus.
Ich sage: »Was weinst du denn?«, und zu ihm: »Verpiss dich doch selbst
in die Bahn und fahr.« Er darauf: »Ich kann nicht fahren.« »Was bist du
denn für ein Leiter?« hab ich da gesagt. Das waren Leute ohne jede
Bildung, genau wie wir ja auch. Es war schockierend. Der einzige
Unterschied zwischen ihnen und uns war, dass wir Straßenbahn fahren
konnte und sie die Leiter waren. Wenn einer in der Partei war, konnte
er auch mit Volksschulabschluss Direktor werden. Ich bin damals
natürlich auch nicht in diese Straßenbahn gestiegen, obwohl er es mir
befahl. Niemand ist eingestiegen. Und am nächsten Tag sind wir gekommen
und hatten alles schon beschlossen, wir wollten die Arbeit niederlegen.
Der Kollege, der am nächsten Tag die erste Schicht hatte, sollte
streiken und nicht losfahren. Aber er kam zur Arbeit und sagte: »Hört
zu, ich fahr lieber doch, ich hab Familie, ich hab Kinder, ich will
nichts riskieren, ich hab das Ganze mit meiner Frau durchdiskutiert,
und sie hat gesagt, sie ist absolut nicht einverstanden.« Und ehrlich
gesagt wussten wir, dass er recht hatte, dass er die Familie nicht
gefährden durfte. Bei den Verkehrsbetrieben arbeiteten damals Leute,
die ganz fest zusammenhielten. Keiner ging zum Vorgesetzten, keiner
zeigte beim Direktor an, wir machten alles unter uns aus.
Damals hat es also noch nicht geklappt.
Ganz oft hat es noch nicht geklappt, aber dann kam das Jahr achtzig.
Warum hat es ausgerechnet 1980 geklappt? War das schon der Einfluss der Freien Gewerkschaften?
Zuerst muss ich dazu sagen, dass sich meine persönliche Situation
geändert hatte. Meine Schwester hatte geheiratet, ich brauchte mir um
sie keine Sorgen mehr zu machen, ich war frei. Ich schuftete nicht mehr
wie eine Verrückte, ich fuhr nicht mehr so viel, machte nicht mehr so
viele Schichten. Ich fuhr auf der Linie 15. Und immer morgens und
nachmittags, wenn die Werftarbeiter von der Arbeit kamen oder auf die
Arbeit gingen, dann segelten Flugblätter durch die Luft. An der Werft
ist eine Überführung, darunter fuhren die Lokalbahnen. Mit diesen
Lokalbahnen fuhren die Leute von der Werft zum Neuen Hafen, nach Danzig
oder nach Gdingen. Und die Leute aus den freien Gewerkschaften gingen
dorthin, und wenn besonders viele Leute auf und unter der Brücke
unterwegs waren, warfen sie die Flugblätter ab, und diese Flugblätter
gerieten auch an mich. Meistens bekam ich sie von einem Passagier, der
zwei, drei mitgenommen hatte, ich nahm so ein Flugblatt und war einfach
baff. Ich konnte nicht begreifen, dass jemand seine Telefonnummer und
seine volle Adresse angab. Dass einer solchen Mut haben konnte.
Von wem haben Sie durch diese Flugblätter erfahren?
Am stärksten ist mir Bogdan Borusewisz haften geblieben. Aber es gab
noch viele andere Namen. Ich könnte heute in meinen Papieren suchen,
diese Flugblätter habe ich noch irgendwo. Da war der Moment gekommen,
dass sich in Polen etwas tat, und bei uns in den Verkehrsbetrieben
auch. Ich kann mich noch an die Versammlung im Klubraum erinnern, alle
kamen voller Begeisterung zu dieser Versammlung.
Wer hatte die organisiert?
Die Leitung. Wir waren alle schon darauf vorbereitet, dass es einen
Riesenknall geben würde. Uns hing das alles schon zum Hals heraus. Es
ging ja nicht mal um den Lohn. Wir hegten ja wegen des Lohns gar keinen
Groll, es ging vielmehr darum, dass die Straßenbahnen kaputt waren…
Um die Arbeitsbedingungen…
… dass wir von den Passagieren eins auf den Deckel kriegten und
beleidigt wurden. Das war so im Juli 1980. Wir hatten schon seit
einiger Zeit das Gefühl, dass sich bei uns Chaos einschleicht. Unsere
Arbeits- und Streckenpläne schienen plötzlich ganz unsinnig
zusammengestellt. Allmählich wurde uns klar, dass die Leitung unter uns
Streit säen wollte. Und dann kam der August. Streik in der Werft.
Wie haben sie von dem Streik erfahren?
Ich weiß nicht, vielleicht beim Fahren, vielleicht schon einen Tag vorher. Das weiß ich wirklich nicht mehr.
Aber Ihre letzte Fahrt, mit der der Solidarno¶æ-Streik des
öffentlichen Verkehrs in Danzig begann, an die können Sie sich erinnern?
Ich kann mich nicht einmal genau daran erinnern, wie ich an dem Tag aus
dem Depot fuhr, was ich da gedacht habe. Ich kann mich nur an die sechs
Haltestellen bis zur Oper [2] erinnern. Ich erinnere mich noch genau
an meine Nervosität und die Angst…
Hatten Sie das geplant, dass sie einfach mit der Straßenbahn stehen bleiben?
Ich weiß nicht, wahrscheinlich nicht. Aber ich hab schon gewusst, dass
ich etwas machen werde. Ich erinnere mich an eine schreckliche Angst.
Wenn ich gewusst hätte, ich werde an die Wand gestellt und erschossen,
dann hätte ich weniger Angst gehabt. Ich wusste nicht, was die Leute
sagen werden, wenn ich dort ankomme.
Hatten Sie vorher jemandem erzählt, dass Sie etwas vorhaben?
Ich habe keinem etwas gesagt. Das war ganz spontan.
Sie fahren also Richtung Oper. Eine Haltestelle nach der anderen…
Ich fahre und denke: Mein Gott – stoppen – nicht stoppen, stoppen – nicht stoppen. Herr im Himmel, und was, wenn sie mich vermöbeln? Daran
kann ich mich erinnern.
Warum ausgerechnet vor der Oper?
Wenn die Straßenbahnen an der Oper stehen, dann stehen sie in ganz
Danzig. Man kommt nicht durch. Man kann nur noch mit der Zehnerlinie
zum Hafen fahren und sonst nichts.
Wir kommen also an der Oper an, und…
Ja, da hab ich gedacht: klappt es – klappt es nicht, klappt es – klappt
es nicht, so wie ein spätes Mädchen mit ihrem »er nimmt mich – er nimmt
mich nicht.« Ich hab überlegt, wie das sein wird, und da stand ich auch
schon vor der Oper, in der Mitte. Die Straßenbahn war voller Leute, und
ich stieg aus.
Um wie viel Uhr war das?
Die Leute waren auf dem Weg zur Arbeit, aber wie viel Uhr es genau war,
das weiß ich nicht mehr. Ich blieb stehen und hab gesagt: »Diese
Straßenbahn fährt nicht mehr weiter«. Die Leute waren so etwas gewohnt,
die Straßenbahnen sprangen aus den Gleisen, die Türen gingen nicht zu,
dann sagte wir den Leuten, dass sie aussteigen mussten.
Am Anfang wussten die Leute also nicht, um was es ging?
Ach was, natürlich. Ich sage: »Wir bleiben stehen, weil die Werft
stillsteht. Wir müssen den Streik der Werftarbeiter unterstützen.« Ich
hatte Angst vor dem, was jetzt kommen würde, und die Leute fingen an,
Beifall zu klatschen. Das war unglaublich. Und ich mittendrin, ich habe
geweint, das hat man nicht gesehen, aber ich habe geweint. Ein Typ kam
auf mich zu, so ein kleiner, dunkler, ich erinnere mich an seine Worte:
»Ich bin vom PKS (Regionalbusverkehr), ich heiße Zdzis³aw Kobyliñski,
wir streiken auch.«
Und dann kamen die anderen Fahrer, meine Kollegen. Die Jungen sagen:
»Wir bringen die Straßenbahnen zurück ins Depot, unsere Basis ist auf
der Karl Marx-Straße.« So hieß damals die Hallerstraße. »Wir fahren mit
Bussen, wir holen euch ab.« Und so geschah es auch.
Hinter Ihnen standen jetzt weitere Straßenbahnen. Regte sich denn niemand auf, dass er nicht zur Arbeit kam?
Keiner, absolut keiner. Das hat die Leute gar nicht gestört.
Und weiter?
Ein paar Fahrer warfen ein: »Hört mal, wir müssen aber auf unsere
Arbeitsplätze aufpassen.« Also teilen wir Wachen ein, passen auf, dass
Ordnung gewahrt wird. An jedem Depot blieben Leute zurück, die
aufpassten. Die Leute blieben massenweise dort.
Fiel gleich zu Anfang das Wort »Streik«?
Natürlich, Streik! Wir wählen ein Komitee. Ein Riesenchaos. Leute
suchen einander, andere suchen schon einen Schlafplatz für die Nacht,
weil sie wissen, dass sie bleiben. Wieder andere sagen: »Ich geh nach
Hause, ich streike nicht, mich interessiert das nicht.« Aber das waren
nur wenige. Wir reden Leuten mit einer schwierigen Familiensituation
zu, sie sollten nach Hause gehen. Ja, und natürlich schicken wir einen
Kollegen zur Werft, er soll sich vorstellen und unsere Forderungen
vortragen, die wir zuvor aufgestellt hatten. Er soll uns auch
berichten, was auf der Werft vor sich geht. Unser Kollege fährt also
los und kommt ganz lange nicht wieder. Am Ende steht die Werft schon
gar nicht mehr?
Aber der Kollege war nach Hause gefahren.
Ja, leider, so war es. Also sagt einer: »Hör mal, Henka, fahr du doch
auf die Werft.« Ich setz mich also mit einem Kollegen in einen kleinen
Fiat und wir fahren los. Wir kommen an der Werft an – und nun? Wie sich
herausstellt, verkündet Wa³êsa gerade das Ende des Streiks.
Haben Sie bei der Gelegenheit Wa³êsa zum ersten Mal getroffen?
Ich weiß noch, dass ich auf einen Akkuwagen sprang und aus vollem Halse
schrie, brüllte, wie ich heiße und woher ich bin. Da kamen die Leute
alle raus. Anna Walentynowicz kam herbeigestürzt und fing auch an zu
schreien. Neben mir steht ein älterer Werftarbeiter, auf einmal kommt
Wa³êsa. Wa³êsa kommt also an, da sagt der Arbeiter zu mir: »Das ist der
Streikführer.« Ich also sofort zu ihm. Heute erfahre ich aus Büchern,
was ich damals gesagt habe.
»Verrat! Wenn ihr uns im Stich lasst, sind wir verloren! Die Werft
werden sie in Ruhe lassen, aber die kleineren Betriebe werden sie
zerquetschen wie Wanzen! Brecht den Streik nicht ab, Autobusse werden
die Panzer nicht besiegen!«
Ich will es nicht wiederholen, weil ich mich nicht mehr erinnere. Ich
weiß, dass ich ihm gesagt habe, dass sie uns verraten. Ich hab gesagt,
dass wir mit Straßenbahnen keine Panzer aufhalten können.
Wie haben sie reagiert?
Neben Wa³êsa steht so ein kleiner Werftarbeiter, ein kleinwüchsiger
Typ, ich weiß noch nicht, wer das ist. Wa³êsa wendet sich an ihn und
sagt: »Bogdan, was sollen wir machen?« »Tja, schwer zu sagen.« »Also
gut, wir streiken.« Das kam von Wa³êsa: »Wir streiken, wir streiken.«
Wa³êsa geht zurück, er fängt an zu rufen, es sind nicht viele Leute in
der Werft. Dann fahren wir alle mit dem Akkuwagen in einen großen Saal.
Dort herrscht Chaos, Gedränge, einer schreit lauter als der andere.
Bogdan sitzt an einem Tisch. Ich gehe zu ihm und sage: »Herr Bogdan,
hier sind unsere Forderungen.« Er nimmt sie entgegen. Dann höre ich,
wie es heißt, dass ein Komitee gebildet werden muss. Sie bitten uns an
einen Tisch, hinter uns steht eine Masse von Leuten aus der Werft, es
wird gewählt. Vorschläge fallen, wer ins Komitee soll. Jemand ruft
meinen Namen. Ich weiß nicht, vielleicht war es Bogdan Borusewicz, ich
bin nicht sicher, vielleicht auch Lech, ich erinnere mich nicht. Heute
bin ich sicher, dass es nur daran lag, dass ich so laut gebrüllt hatte.
Und das ist dann schon das Überbetriebliche Streikkomitee [3].
In dieses Komitee kamen alle möglichen Leute, aber nicht Bogdan. Mich
hat das interessiert. Von Kindheit an bin ich ein Mensch gewesen, der
alles ergründen will. Bis heute bin ich so. Wenn ich zum Arzt gehe,
will ich alles wissen. Damals war das auch so, ich ging zu Bogdan und
habe ihn gefragt. Er sagte: »Weil ich außerhalb des Komitees nützlicher
sein kann.« Aber das hat mir nicht gereicht, deshalb hab ich weiter
gefragt, und da habe ich zum ersten Mal erfahren, dass er bei KOR war,
und dass KOR nicht hervortreten dürfe, das sei das Komitee zur
Verteidigung der Arbeiter (Komitet Obrony Robotników). Damit konnte ich
sofort etwas anfangen, und ich sagte: »Ich kenne Sie, ich kenne Sie von
den Flugblättern.« Und ich habe gefragt, ob ich ihn umarmen durfte, ich
habe ihm gesagt, wie sehr ich ihn verehrte. Damals erfuhr ich auch von
Andrzej Gwiazda und hörte, wie die freien Gewerkschaften entstanden
waren. [4] Das hat mir imponiert, mir, der grauen Maus, die von ihren
Eltern ganz kleingemacht worden war. Es hat mir imponiert, dass ich
unter solchen Menschen war, sie waren für mich sehr bedeutend. Bis
heute sind sie bedeutend. Das war unglaublich.
Sind Sie zurück in Ihren Betrieb gefahren?
Ja. Spät in der Nacht bin ich wieder in den Fiat gestiegen und zum
Autobusdepot gefahren und hab gesagt: »Also, die Sache ist so, ich bin
ins Streikkomitee gewählt. Seid ihr einverstanden, dass ich drin
bleibe? Oder sollen wir jemand anders wählen, der an meiner Stelle
geht?« Ich stand auf einem Stapel Paletten und schrie meine Worte.
Natürlich wollten sie, dass ich zurück ins Komitee ging. Da sagte ich:
»Gut, aber dann wollen wir zwei Kollegen als Verbindungsleute wählen.
Die sitzen auf der Werft und kommen immer zum WPK und berichten, was
dort geschieht. Solange ich kann, komme ich auch.« Denn da wusste ich
schon von Andrzej Gwiazda, dass das nicht so einfach sein würde. Dass
alles mögliche passieren konnte. Es gab noch keine Passierscheine.
Ist die Miliz euch gefolgt?
Die ganze Zeit. Gleich von unserer Basis aus sind sie uns hinterher bis
zur Werft. Wir sind dann durch einen anderen Eingang rein.
Sie gehen also zurück zur Werft. Was geschieht dann?
Ein Riesenchaos, alle laufen durcheinander. Leute von draußen bringen
Brot, etwas zum Draufschmieren. Am oberen Ende steht der Tisch der
Vorsitzenden, daran sitzen wir. Alles mögliche passiert auf einmal, ich
erfahre zum Beispiel vom Sicherheitsdienst (SB), davon hatte ich noch
keinen blassen Schimmer. Joanna Gwiazda, Andrzejs Frau, kriegte einen
Koller, weil sie einen SB-ler gesehen hatte, ihr wurde schlecht, und
sie musste hinausgebracht werden.
Was passierte mit dem SB-ler?
Ich weiß nicht. Da passierte so viel.
Womit waren Sie zu dem Zeitpunkt beschäftigt?
Zuerst hab ich erzählt, wie meine Kollegen vom WPK eine tolle Idee
hatten, wie sie das Problem mit dem Benzinmangel lösen konnten. Sie
befestigten ein Band mit der Aufschrift »MILICJA« und bekamen so an
jeder Tankstelle kostenlos Sprit. Da kam Jacek Klys zu mir, der im
Komitee die Raffinerie vertrat, und sagte: »Du, wenn ihr einen Tank im
Betrieb habt, dann geht das klar, in der Raffinerie ist genug Benzin.«
Ich also sofort zu einem von unseren Leuten und frage: »Leute, haben
wir da einen Tank?« »Ja«, sagt er. »Dann geh zum Direktor und frag um
Erlaubnis, ob du den mitnehmen kannst.« Ich fuhr mit dem Kollegen zum
Herrn Direktor, aber der Direktor sagt: »Nur über meine Leiche«. »Dann
sind sie schon tot«, sag ich darauf, und mein Kollege: »Los, nimm den
Tank, wir fahren in die Raffinerie.« Ich hatte ein Heft, da wurde
eingetragen, was und wie viel, das habe ich heute noch. Später gab’s
einen Haufen Streitigkeiten deshalb. Meine Kollegen machten mir
Vorwürfe, ich gäbe ihnen zu wenig Benzin, dem da geb ich dreißig und
ihnen auch dreißig, dabei sind sie doch meine Kollegen und müssten mehr
kriegen. Aber ich war so erzogen, wenn man dem einen eine Kruste Brot
gibt, dann dem anderen auch, und das hatte nichts mit Kollege oder
Nichtkollege zu tun. Der eine ist genauso hungrig wie der andere, und
damit basta.
Haben Sie denn das Benzin verteilt?
Ich habe Karten mit dem Stempel des Streikkomitees ausgegeben.
Und wo haben Sie auf der Werft geschlafen?
Mal auf zwei zusammengeschobenen Stühlen, mal auf dem Boden. Es gab
auch Nächte, da schlief ich auf einer Luftmatratze. Ein gewisser
Grzesio, ein Maler, hat die mir besorgt. Eine Nacht hab ich mich auf
der Matratze ausgeschlafen, am nächsten Tag hatte ein anderer keinen
Platz zum Schlafen, da gab ich ihm die Matratze ab, damit er schlafen
konnte. Man schlief jeweils zwanzig Minuten, jemand hatte ein Gitarre,
es wurde gesungen, ich war ein junges Mädchen, Schlafen interessierte
mich nicht. Später wurde ich in die Delegation gewählt, die zur
Bezirksverwaltung sollte. Florek Wi¶niewski, Bogdan Lis und ich fuhren
dorthin, um die Herren zum Gespräch einzuladen.
Natürlich haben sie zugesagt, ja, sie würden kommen. Es gab noch alles mögliche damals, auch eine Messe mit Jankowski [5].
Aber man musste sich ja auch waschen und dergleichen. Diese prosaischen
Dinge vergisst man immer, dabei ist das so schwer zu organisieren. In
den Abteilungen gab es Toiletten, aber bei uns waren beispielsweise
zwei, und eine Masse Leute. Kein Buch und kein Film haben die Wahrheit
der Werft damals gezeigt. Experten kamen. Ich wurde in einen Strudel
gezogen, in dem mir beigebracht wurde, was Politik ist, wozu diese
freien Gewerkschaften und so weiter. Ich war ja ein Grünschnabel. Leute
von KOR kommen vorbei, ich lerne Ewa Milewicz [6] kennen, auch andere
Leute…
Wen von KOR haben Sie noch kennengelernt? Jacek Kuroñ? Nein, der ist doch zu dem Zeitpunkt interniert.
Ja, Jacek Kuroñ sitzt zu dem Zeitpunkt im Knast, aber ich höre von ihm.
Von Bogdan und Andrzej Gwiazda kriege ich einen Schnellkurs. Sie zeigen
mir, was da in Polen geschieht. Wenn ich zur WPK fahre, reißt Andrzej
einen Schnipsel von dem Passierschein ab und sagt: »Guck mal, das mache
ich jetzt deshalb, damit ich nachprüfen kann, ob niemand reinkommt, der
einen nicht angerissenen Passierschein hat. Die können alles kopieren.«
Ich versuche, das alles in mich aufzunehmen. Dort habe ich mein
Politikstudium absolviert. Ich lerne, ich höre zu, was sie sagen, ich
lausche Ania Walentynowicz, sie weiß so viel. Ania ist ja viel älter
als ich, sie könnte meine Mutter sein. Damals konnte man erfahren, was
der Weg von KOR war, weshalb die Freien Gewerkschaften entstanden,
wogegen sie sich auflehnen. Nach und nach identifiziere ich mich ganz
intensiv damit. Auf der Werft schätzen mich meine Kollegen. Als Andrzej
dieses Stück von meinem Schein abgerissen hat, da wusste ich, dass ihm
an mir gelegen ist. Das alles hat seine Wirkung auf mich und baut mich
auf. Ich weiß, dass man mich braucht, dass sich etwas tut, und dass sie
sich für mich einsetzen werden, falls ich verhaftet werde.
Die Werft, die hat mir mehr gegeben als mein ganzes Leben, bis dahin
hatte mir ja noch niemand etwas gegeben. Ich konnte mich nicht mit
meinen Eltern hinsetzen und ernsthaft über meine Probleme reden. Ich
höre von Jacek Kuroñ, und er wird fast ein Gott für mich. Und später
wird er ein Freund.
Er hat in seinen Erinnerungen sehr schön von Ihnen geschrieben.
Ich habe ihn sehr, sehr gern gehabt, das sage ich nicht deshalb, weil
er über mich geschrieben hat. Jacek Kuroñ konnte erzählen, und ich
hörte gern zu. Zusammen mit Andrzej Gwiazda war ich für die Forderung
nach Befreiung der politischen Häftlinge verantwortlich. Für mich war
das eine Ehrensache. In dem Film Robotnicy 80 [7] ist ein Augenblick
verewigt, als Jagielski sagt: »Paraphieren wir diesen zweiten Punkt!«,
und ich sage: »Nein, ich bin dagegen! Zuerst kommen die Leute aus dem
Gefängnis, vorher paraphieren wir gar nichts. Etwas anderes kommt gar
nicht in Frage!« Dann redet er mit Wa³êsa, und Wa³êsa sagt: »Also gut,
paraphieren wir!« Und ich sage: »Für Christus!« und mache so.
Sie haben ihm die Feige gezeigt?
Klar, darüber hab ich ein Dokument, das hat sich nicht einer bloß ausgedacht.
Es kommt in dem Film Robotnicy 80 vor.
Den haben die Filmleute mir gebracht, ich konnte es lange nicht finden.
Ich weiß nicht, ob Ihnen das klar ist, aber nach meiner Feige hat der
Streik zwei Tage länger gedauert. Sonst wäre er früher zu Ende gewesen.
Wieso das?
Sie mussten die Gespräche mit uns erst mal abbrechen, wegfahren und
beschließen, ob die politischen Häftlinge freigelassen werden durften.
Sie sind irgendwohin gefahren und haben den Beschluss gefasst.
Wa³êsa wollte den Punkt streichen?
Wir waren alle erschöpft. Ich will nicht sagen, dass Wa³êsa das
streichen wollte. Wie sollte ich meinen Kollegen irgendwelche
Vorhaltungen machen? Ich sage nicht, dass wir die Helden von Stalingrad
waren, verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber wir sechzehn, wir
haben wirklich schwer gearbeitet und nicht geschlafen. All diese Tage
über habe ich nachts vielleicht 20, 25 Minuten geschlafen, nicht mehr.
Eine Delegation kam, sie mussten empfangen, mit Essen versorgt werden,
wir mussten ihnen Schlafgelegenheiten herrichten. Das war ja nicht so,
dass wir da saßen und nichts taten. Diese sechzehn waren für die ganzen
Leute dort verantwortlich. Wenn der Streik schiefgegangen wäre, dann
hätten wir heute keinen Lech Wa³êsa, aber wir hätten auch nicht die
Freunde von Lech Wa³êsa, die wären bestimmt alle irgendwo an die Wand
gestellt worden. Die ganzen Werftarbeiter hätte man nicht ruhig stellen
können, aber diese sechzehn, die hätte man schon mit Fußtritten
rausbefördern können. Wir wussten genau: wenn wir Fehler machen und
nachgeben, dann sind wir vor allen anderen dran. Uns hatten die Leute
gewählt.
(…)
Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, wie auf der Werft die Namen
von Leuten gebrüllt wurden, die Besuch bekamen. Mütter, Frauen,
Freundinnen, Kinder kamen, die ihnen Fresspakete brachten, weil wir ja
nichts zu essen hatten. »Kudla Robert!« wird einer gerufen, keiner
kommt, da ruft die Frau mich zu sich und drückt mir die Brote in die
Hand. »Bitte, ich hab Sie an der Stimme erkannt, bitte nehmen Sie das
von mir an.« »Für wen haben Sie es denn gebracht?« »Für meinen Sohn,
aber die ganze Zeit ruft man schon nach ihm, und er kommt nicht.« »Er
wird schon kommen.« Und sie darauf: »Ach nein, nehmen Sie trotzdem das
Brot. Ich bitte Sie.« Mir kamen wirklich die Tränen, das war so
überwältigend. Für mich waren die Leute dort eine einzige große
Familie. Es spielte gar keine Rolle, wem eine Mutter etwas gebracht
hatte, wenn derjenige nicht kam, dann gab sie es eben einem anderen.
(…)
Und wie sah die Arbeit in der Gewerkschaft weiter aus? Um zehn Uhr morgens wird festgelegt…
Da besprechen wir, was wir machen. Wer wohin fährt, zu welchem Betrieb,
wer dies macht, wer jenes, manchmal ergeben sich die verschiedensten
Dinge. Nehmen wir an, da kommen Jungs aus Posen und sagen: »Henka,
komm, wir haben einen Streik, aber wir haben keinen, der so richtig
führen kann, komm mit uns.« Dann hatte man gar keine Zeit zu überlegen.
Ich rufe Lech oder Bogdan Lis an und sage: »Hört mal, ich bin jetzt
weg, ich fahr zum Streik nach Posen.« »In Ordnung, tschüss, alles
klar.« Ich steige ins Auto, fahre nach Posen. In Posen schlafe ich fünf
Tage nicht, sitze in einem Betrieb, formuliere Forderungen. Der
Vorsitzende der Bezirksregierung will nicht mit mir reden. »Na gut,
dann geh ich eben«, sage ich. Draußen vor dem Fenster schreien die
Leute: »Wenn sie geht, verdammt noch mal, dann werden wir einen Galgen
aufstellen und dich aufknüpfen, du alter Sack!« Manchmal musste man die
Leute zurückhalten, weil sie so entflammt waren. Man musste für sie
denken, damit es nicht zu einer Tragödie kam.
(…)
Irgendwann kam ich spätabends nach Hause und, kaum war ich
eingeschlafen, da hämmert jemand an meine Tür, noch ganz benebelt steh
ich auf und gehe zur Tür, da schreit meine Nachbarin: »Henka, es ist
Krieg!« Das werde ich bis an mein Lebensende nicht vergessen. Ich
setzte mich im Nachthemd auf mein Bett und denke: »Guter Gott im
Himmel, Krieg!« Ich schalte den Fernseher ein, nichts. Das Radio ist
auch tot. Was wird hier gespielt? Ich warte, höre schließlich
Jaruzelski, der den Kriegszustand verhängt.
Wohin jetzt? Wenn ich zum PKS gehe, werden sie mich einkassieren. Ich
hatte eine Freundin auf dem Land, sie war auch Verbindungsperson auf
der Werft gewesen, vielleicht zu ihr? Nein, da holen sie mich auch. Ich
warte. Sie kamen nicht an diesem Tag sondern erst am nächsten. Sie
fassten mich nicht an, keiner hob auch nur den Finger gegen mich. An
diesem Tag passierte nichts. Sie suchten in der Wohnung, guckten in die
Schränke, dann gingen sie wieder. Als wäre eine Bekannte gekommen, die
bei mir in den Ecken schnüffeln wollte. Danach gab es Durchsuchungen,
sie schütten meinen Zucker aus, die Grütze, fast alles, was ich hatte.
Als der Kriegszustand ausgerufen wurde, hatte ich keinen Groschen. Der
Vater meiner Freundin Ma³gosia aus der WPK arbeitete in einer
Schlachterei, sie brachte mir manchmal ein Stück Blut- oder Leberwurst.
Als sie zum ersten Mal kam, sagte sie: »Ich hab dir was mitgebracht,
gib ein Stück Brot.« Ich sagte, ich hätte noch keins gekauft. »Dann gib
mir Geld für Brot, ich geh und hol dir was.« Schließlich musste ich
zugeben, dass ich nichts hatte. Da ist sie gegangen und hat mir ein
halbes Brot gekauft.
Und Sie hatten mit niemandem Kontakt?
Nein, später geriet ich in diesen ganzen Wirbel. Wir konnten ausnutzen,
dass ich schwanger war, da konnte ich mich verabreden, Papier, Alkohol,
Druckerschwärze und so weiter bringen. Ich wusste, wo die Druckereien
waren. Ich machte das mit Stefek zusammen.
Mit Stefek?
Ja, Lewandowski. Auch einer der Unterzeichner der Augustabkommen. Dann
war diese Sache mit der Walze für die Vervielfältigungsmaschine. Jemand
hatte sie bei mir gelassen, und ich hatte sie in die Bettcouch gelegt.
Sie sah aus wie eine Teigrolle, nur mit Lagern natürlich. Da liegt sie
also so vor sich hin. Sie kommen wieder, neue »Revision«. Diese
Durchsuchungen, die kamen und gingen, aber bei einer Revision, da wurde
alles rausgerissen, alle Klamotten raus aus dem Einbauschrank. In der
Küche fliegt alles durch die Gegend, die Zuckertüte segelt ins
Wohnzimmer. Es war eine Einzimmerwohnung, ein winziges Wohnzimmer, ganz
kleine Küche. Sie rennen rum, wüten. Einer hebt die Walze hoch. Guckt
sie an und sagt: »Was ist das?« »Eine Rolle.« »Was für eine Rolle?«
»Für Teig.« Er nimmt sie in die Hand: »Mit Lager?« »Ja, die hat mein
Mann mir so gemacht.« Die Nackenhaare sträubten sich mir vor Angst.
Aber der legt die Rolle zurück, macht die Bettcouch zu, und sie gehen.
Ich wohnte an einem Treppenhaus, wo man unten im Keller von einem
Aufgang zum anderen durchgehen konnte. Ein Bekannter kommt zu mir und
sagt: »Henia, weißt Du, dass diese Ratte da unten steht?« Und ich sage:
»Ja, ich weiß, und weißt du, was ich hier habe – diese Walze für die
Vervielfältigungsmaschine.« Er nimmt die Walze mit, kaum eine
Viertelstunde später kommen sie wieder. Sofort zur Couch, sie klappen
sie auf: »Wo ist die Rolle?« »Was für eine Rolle?« »Die Teigrolle.« Ich
gehe in die Küche, hole meine Teigrolle. »Bitte, hier.« Da haben sie
mich vermöbelt, aber so vermöbelt, das lässt sich nicht beschreiben.
Und dann haben sie mich da liegenlassen.
Sie haben Sie zu Hause zusammengeschlagen und dann liegenlassen?
Ja. Sie haben mich liegenlassen und sind gegangen. Dann hatte ich eine Fehlgeburt.
Ein, zwei Wochen später kamen sie zu mir, legten einen Brief auf den
Tisch und wollten, dass ich unterschreibe. Ich sage – kommt gar nicht
in Frage. Ich hatte zwei wunderbare Lehrer. Der eine war Jacek Kuroñ.
Er sagte immer: »Wenn sie dir sagen, du sollst nehmen, unterschreib
nie. Wenn sie dir sagen, du sollst geben, unterschreib auch nie.
Niemals. Du darfst nie etwas unterschreiben.« Der andere Lehrer war
Andrzej Ko³odziej. Auch er sagte: »Henka, du darfst nie etwas
unterschreiben. Und wenn du sitzt, dann denk an das, worin du verdammt
noch mal am gescheitesten bist…« – das waren Andrzejs Worte – »dann
verquatschtst du dich auch dann nicht, wenn Du eine Wahrheitsspritze
oder so was kriegst.« Deshalb nahm ich nie etwas an, egal was sie mir
gaben, keine Suppe, nichts. Ich war nicht interniert, aber ich wurde
achtundvierzig Stunden lang festgehalten, dann ließen sie mich bis zur
nächsten Ecke gehen und nahmen mich wieder für achtundvierzig Stunden
in Arrest. Ich habe nie etwas unterschrieben. Da kann man heute bei mir
wühlen, so viel man will. Aber es sind ja ohnehin so viele Papiere
verbrannt. Schon in den neunziger Jahren war jemand bei mir, der bei
der Verbrennung der Papiere im Bezirksamt mitgemacht hatte, da war auch
meine Akte beigewesen. Es ist soviel verbrannt worden, dass man bei den
Verkehrsbetrieben keine Spur mehr davon finden konnte, dass ich dort
gearbeitet hatte. Ich musste Zeugen beibringen, die aussagen konnten,
dass ich überhaupt dort angestellt gewesen war… Na ja, jedenfalls bekam
ich bei dieser Visite einen Schrieb zur Unterzeichnung vorgelegt, der
mich anwies, Danzig zu verlassen und mir verbot, in der Volksrepublik
Polen einer Arbeit nachzugehen, das muss so um den Jahreswechsel
1983-84 gewesen sein.
(…)
Und gleich danach kam dann meine Mutter nach Hause, sie war auf dem
Land gewesen und erzählte mir, dass dort eine Freundin von mir
gestorben war. Sie war gestorben und hatte einen Haufen Kinder
hinterlassen. »Also, eins von den Kindern ist ein ganz kleines Mädchen,
ich hätte sie sogar mitgenommen, aber sie wollte nicht weg.« Ich hörte
zu und sagte: »Verdammt, da fahren wir hin.« Also sind wir hingefahren
und zum Vater von der Kleinen gegangen, ich hab ihn überredet und
Agnieszka mitgenommen. Die Adoption habe ich selbst in die Wege
geleitet, das hat vielleicht zwei Monate gedauert. Ich weiß bis heute
nicht, warum das bei den Kinderheimen so viele Jahre dauert. Auf diese
Weise bekam ich also mein ersten Kind. Später starb meine Nachbarin, um
die ich mich in der letzten Phase gekümmert habe, und Jasia verbrachte
da schon mehr Zeit bei mir als bei ihr. Die Tante, die ihn zu sich
nehmen sollte, sagte in der Verhandlung, sie wolle ihn nicht, da war
ich Zeuge. Was sollte ich da machen? Der Richter sagt: »Mein Kind, es
tut mir sehr leid, aber du musst ins Kinderheim.« Na ja, da hab ich
gesagt, dass ich ihn nehme.
Ich ging nach Hause. Krysiek [8] war auf der Arbeit, ich denke bei mir:
»Gott im Himmel, er schlägt mich tot.« Da hab ich ihm gekocht, was er
am liebsten hatte, den ganzen Nachmittag über hab ich mich damit
gemartert. Krysiek kam nach Hause, ich stell ihm das Essen hin und
sage: »Krysiek, wir haben jetzt zwei Kinder.« »Wieso das denn?« »Ich
hab Janek angenommen.« »Wirklich? Prima!« Da hatte ich also schon das
zweite Kind. Und dann kam meine Ola, die jetzt auch ein
Familienkinderheim aufbaut. Als wir sie gefragt haben: »Liebe Ola,
warum willst du das machen?« hat sie gesagt: »Papa, ich will anderen
Kindern das geben, was ich von euch bekommen habe.«
Und woher kam Ola?
Aus dem Kinderheim.
Wie seid ihr darauf gekommen?
Agnieszka war klein, und ich wusste, dass ich keine Kinder mehr
bekommen konnte. Sie wollte so gern eine Schwester haben. Da haben wir
Ola zu uns genommen. Ola war zehn, als wir sie angenommen haben.
Agnieszka war schon sieben, die Kinder waren zu dritt. Bevor wir Ola
angenommen haben, war ich in den Bieszczady auf einem Urlaub mit
pädagogischer Leitung. Das war für Frauen, die Kinder adoptiert hatten.
In diesem Urlaub stellte ich fest, dass die Mütter eigentlich deshalb
kamen, weil sie dort mit anderen Frauen plaudern, gemütlich Kaffee
trinken wollten. Natürlich wollten sie auch mit den Kindern spazieren
gehen, aber nicht länger als eine Viertelstunde. Sie wussten nichts,
worüber sie mit den Kindern reden sollten. Ich schlug vor: »Kinder,
sollen wir in die Berge gehen?« »Ja!« alle waren dafür. Die Mütter
gingen ein Stück mit, dann kehrten sie zurück, und ich lief mit den
Kindern weiter, einmal ganze 16 Kilometer, so hab ich sie gescheucht.
Dann war ich böse auf mich selbst, die Kinder waren völlig erschöpft,
als wir zurückkamen. Ein Becken war da für Löschwasser, das haben wir
saubergescheuert, und die Kinder konnten baden. Endlich hatte ich das
gefunden, was ich immer hatte machen wollen. Eine Frau kam zur Visite,
die arbeitete bei dem Ableger einer staatlichen Behörde, der sich mit
Familienkinderheimen beschäftigte. Sie hörte, wie die Kinder am Ende
des Urlaubs Gedichte und Lieder über mich machten. Die Frau kam auf
mich zu und sagte: »Frau Henia, sie sollten ein Familienkinderheim
gründen. Wir geben Ihnen ein möbliertes Haus, voll eingerichtet.« Ich
kam aus den Ferien und lag meinem Krysiek dauernd damit in den Ohren:
»Komm Krysiu, lass uns das machen, wir gründen so ein Heim und nehmen
mehr Kinder an, das wird so schön, bestimmt.« »Henia«, sagte er dann,
»das sind doch keine Pingpong-Bälle, das musst du dir gut überlegen.
Bälle kann man abschmettern, Kinder aber nicht. Ein Kind, das bei dir
ist, muss auch bei dir bleiben.« Ich erzählte meiner Schwiegermutter
von der Idee. »Weißt du was«, sagte ich zu ihr, »ich würde so gern ein
Familienkinderheim gründen.« Meine Schwiegermutter sagte: »Klar – wenn
es Kinder gibt, denen man helfen muss, auf jeden Fall. Wenn du Hilfe
brauchst – ich kann dir helfen.« Das war ein Argument. Krysiek war
einverstanden.
Es gab dann alle möglichen Probleme. Wir bekamen immer die schwierigen
Kinder. Wir haben sie uns nie ausgesucht. Aber sie blühten auf. Ich
sah, wie sie zu mir kamen, ganz verschorft, verkümmert, sie nässten
sich ein, dann blühten sie auf. Ich hatte gedacht, es würde eine
wahnsinnige Arbeit, aber wie sich zeigte, brauchte man nur ein bisschen
Herz, und ein Kind gibt das doppelt und dreifach zurück.
Ich bemerkte auch, dass ich selbst mich veränderte, ich merkte, dass
die Kinder mir Manieren beibrachten, mich lehrten, über alles, was ich
tue, nachzudenken. Alles geschah unter ihrem Aspekt. Was ich auch tat,
ich tat es fünfmal ruhiger als früher. Alles war ausgewogen. Nicht
Krzysztof und ich erzogen die Kinder, sie brachten uns alles mögliche
bei. Ich war da angekommen, wo ich hingehörte, dieses Leben erfüllte
mich ganz und gar. Wenn die Kinder kamen, hab ich ihnen nicht nur das
Köpfchen gestreichelt. Ich sorgte dafür, dass die Kinder, die wir
aufnahmen, auch Vater und Mutter hatte, zumal Krzy¶ ihnen ja auch
seinen Namen gab. Und hinzu kommt noch etwas, was ich Krzysztof selbst
nie sage, weil ich der Meinung bin, man solle einen Mann erst nach
seinem Tode loben, aber Krzysztof war noch ganz jung, als wir dieses
Haus gründeten. Ich war schon über dreißig, doch er ist zwölf Jahre
jünger als ich. Er war ein junger Kerl, gerade aus dem Militärdienst
entlassen. Aber er nahm sie an der Hand, ging mit ihnen spazieren, im
Winter schlittenfahren, es war eine Freude zu sehen. Das war wirklich
unglaublich. Bis heute ist er so.
Zuerst also haben wir die ersten drei: Jasia, Ola und Agnieszka. Danach habe ich noch fünf angenommen.
In welchem Jahr war das?
1994, im Dezember. Ich habe das Haus gegründet und bekam sofort fünf
Kinder zugewiesen – ein Alptraum. Wenn ich heute daran denke! Mein
Gott! In sooo großen Töpfen hab ich gekocht. Lukasz war zwei. Die ganze
Nacht hat er gebrüllt: »Fräulein Emilka!« Er war an ein Fräulein Emilka
gewöhnt. Die ganze Nacht hab ich dagesessen und ihn gewiegt, morgens
konnte ich kaum aus den Augen sehen vor Müdigkeit und hatte diesen Wust
Arbeit vor mir. Das waren fünf kleine Kinder von zwei, drei, vier, fünf
und sechs Jahren. Es war wirklich katastrophal, aber dann hatte ich
eine Idee. Ich hatte einen alten Kinderwagen. Ich badete die Kinder,
dann legte ich erst Lukasz in den Wagen und sang, ›Du hast mir mein
Herz geraubt‹. Ich schaukelte das eine in den Schlaf, legte es ins
Bett, nahm das nächste. Am Anfang hab ich nachts überhaupt nicht
geschlafen, nur tagsüber eine Stunde. Jedes Kind litt an Hospitalismus.
Lukasz schaukelte sich hin und her, Patrycja hockte auf den Knien und
rieb das Köpfchen am Kissen, sie war ganz kahl davon. Man musste sich
etwas ausdenken, dass dem Kind Haare wuchsen. Ich machte ihr eine
Rotkäppchenmütze, in der Mütze schlief sie. Die Mütze war bald ganz
abgewetzt, aber die Haare wuchsen. Ich musste mir alles mögliche
ausdenken. Heute kann ich darüber lachen, die Kinder sind groß, das ist
alles erledigt, aber es war wirklich ein sehr harter Brocken.
Und dann kam das sechste Kind?
Ich bekam die Papiere der Kinder und darin stand, dass in der Familie
noch mehr Geschwister waren. Ich begann, nach den Geschwistern zu
suchen. Ich telefonierte an den Waisenhäusern herum und suchte Monika
Radkowska, dann stellte sich heraus, dass sie einen anderen Namen
hatte. Aber eines Tages bekam ich einen Anruf von der Direktorin eines
Kinderheims in Tczew an und sagte: »Ich habe hier eins von den
Radkowski-Kindern, das Mädchen möchte so gerne die Geschwister sehen.«
Wie alt war sie?
Vierzehn, fünfzehn. Sie kam zu uns nach Hause. Der Samstag verging,
dann der Sonntag. Am Montagmorgen hätte sie abreisen müssen, aber sie
sitzt am Tisch und sagt: »Ich würde so gerne hier bleiben.« »Na gut«,
sage ich , »aber du musst wissen – eine Prinzessin wirst du hier nicht
sein. Du musst wissen, dass du keinem Kind etwas tun darfst, ist das
klar?« »Hm, ja.« »Und du musst dir überlegen, wie du mich ansprechen
willst. Du kannst Frau Henia oder Tante zu mir sagen, aber ich will
nicht, dass du mich duzt.« »Ich will das sagen, was die anderen Kinder
sagen.« Die sagten aber »Mama« zu mir. Wir warteten, bis Krzysztof nach
Hause kam, sie setzte sich zu ihm an den Tisch und sagte: »Papa, ich
will hier zu Hause bleiben.« Am nächsten Morgen fuhren wir in ihr
Kinderheim und sie sagte: »Ich will bei meinen Eltern sein.« Heute ist
sie selbst Mutter, hat zwei Kinder, ich kann kein schlechtes Wort über
sie sagen. Ich hatte dieselben Schwierigkeiten mit ihr, die andere mit
ihren heranwachsenden Töchtern haben, sie rebellierte, wenn ich sie
nicht in die Diskothek lassen wollte. Aber ich habe auch nie ein böses
Wort von ihr gehört. Sie war die älteste, die ich angenommen habe, die
anderen waren ja alle ganz klein. So war das.
Zählen wir mal – anfangs waren es drei…
Ja, das war noch als Ersatzfamilie. Später kamen noch neun, davon waren sechs Radkowskis, insgesamt also zwölf…
Wie das?
Als wir neun hatten, konnten wir keine Kinder mehr aufnehmen. Gienek
nahmen wir allerdings doch noch. Aber dann rufen sie wieder aus dem
Heim an und sagen: »Wir haben hier zwei kleine Jungen, die Kinder sind
schrecklich verwahrlost. Waren wochenlang allein zu Hause, sind
ausgehungert und überhaupt sehr hilfsbedürftig.« Ich sage zu den
Kindern: »Da sind zwei kleine Jungs, die ein Zuhause brauchen.« »Ach,
Mama, nein«, sagt meine Monika sofort, »vielleicht später.« »Na gut«,
sag ich, »ich fahr nur hin, um sie mir anzugucken.« Mein Mann und ich
sind gefahren, und der Direktor hat die Jungs gebracht. Und mein Tomek,
der ist jetzt achtzehn, kommt rein und sagt: »Ach, Mama, ich bin so
froh, dass du mich abholst!« Was sollte ich da machen? Wir haben sie
mit nach Hause genommen. Monika gleich: »Ich hab’s gewusst! Ich hab’s
gewusst!« Danach hab ich meinen Kindern versprochen, dass ich jetzt
wirklich kein Balg mehr aufnehmen werde. Doch dann hörte ich wieder von
Kindern, die ein Zuhause brauchten, und ein paar Kinder gingen ja auch
nach und nach aus dem Haus…
Und dann?
Meine Ola macht jetzt auch ein Familienkinderheim, die Kinder, die zu
meinen Mädchen »Tante« sagen, möchte ich dorthin geben. Sie hängen sehr
aneinander. Ola hat ein eigenes Kind, einen Mann, und ich erkläre den
Kindern: »Hört mal, samstags und sonntags hole ich euch nach Hause. Du
bleibst wegen der Schule hier, denn hier ist es näher.« Ehrlich gesagt
bin ich inzwischen sehr, sehr erschöpft. Ich brauche Ruhe. Es war
schwer. Kaum jemand wollte helfen.
(…)
Und wie haben Ihnen diese Veränderungen der neunziger Jahre
gefallen? Sie waren kritisch gegenüber dem Runden Tisch, haben diese
Wahlen boykottiert, nicht wahr?
Ja, das stimmt.
Sind Sie immer noch der Meinung, dass der Runde Tisch ein Rezept war, das auf die Kommunisten zurückging?
Ich würde mich mit ihnen nicht an einen Tisch setzen und Wodka trinken.
Ganz bestimmt nicht. Aber wenn es um die Veränderungen an sich geht, da
gefällt mir vieles nicht. Die Sozialhilfe, das ist eine Katastrophe.
Ich weiß nicht, vielleicht werde ich in den nächsten Wahlen antreten,
ich weiß es wirklich nicht, denn diese Sozialhilfe, die geht mir
wirklich gegen den Strich. Zum Beispiel diese Familienrettung, wo
Kinder von zu Hause weggeholt werden. Ich meine, man muss den Familien
helfen. Klar, nicht alle Kinder sind süße Zuckerpüppchen. Es gibt
Kinder, die lassen sich nicht lieben, die tragen von Geburt an so einen
Zorn in sich. Und diese Kinder kommen nur von einer Pflegefamilie zur
anderen, und was bleibt davon übrig? Keine Zugehörigkeit, nichts. Aber
wenn wir statt dessen den Familien helfen würden… Ich kenne Fälle, wo
der Mutter die Kinder nur deshalb weggenommen wurden, weil sie in so
bitterer Armut lebte.
Sind Sie der Meinung, dass Armut den Boden für Pathologien bereitet?
Aber sicher. In diesem Jahr gehe ich in Rente, und ich kriege
vielleicht 600 Z³oty für meine ganze Arbeit. Ein junger Mensch, der
nach dem Schulabschluss arbeiten geht, bekommt 650 Z³oty. Ich bin auch
von der Solidarno¶æ enttäuscht, sie steht nicht wirklich hinter den
Leuten. Das ist eine Niederlage auf der ganzen Linie, und das macht mir
Kummer.
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky
[1] Das Gespräch führte S³awomir Sierakowski. Es erschien zuerst in Krytyka Polityczna 15 (2008).
[2]
Gemeint ist die Staatliche Opera Baltycka an den Aleje Zwyciêstwa.
[3] Das Vorspiel der Streiks im August 1980 war der sogenannte Lubliner
Monat – eine Welle von Arbeitsstreiks, in denen die Arbeiter der
Betriebe der Lubliner Gegend gegen die Erhöhung von Lebensmittelpreisen
protestierten. So streikten unter anderem die Arbeiter der Bahnen, der
städtischen Verkehrsbetriebe und der Versorgungsbetriebe, und legten
damit erfolgreich die gesamte Region lahm. Der Erfolg der Proteste
(u.a. Lohnerhöhungen) veranlasste eine Gruppe von Aktivisten der Freien
Gewerkschaften der Küstenregion unter Leitung von Bogdan Borusewicz
dazu, auf der Danziger Leninwerft für die unterdrückten Gewerkschaftler
einzutreten und zu ihrer Verteidung aufzurufen. Am 14. August
initiierten sie einen Streik zur Verteidigung von Lech Wa³êsa und Anna
Walentynowicz, die beide fristlos entlassen worden waren. Gleichzeitig
verlangten sie die Schaffung von mehr Arbeitsplätzen und die Errichtung
eines Denkmals zum Andenken der Werftarbeiter, die bei den Unruhen in
der Küstenregion im Jahre 1970 getötet worden waren. Diesem Protest
schlossen sich rasch z.B. die Regionalen Verkehrsbetriebe in Danzig,
die Gdingener Werft »Pariser Kommune« und viele kleinere Betriebe an.
Unter dem Druck der Streikenden ging die Leitung der Danziger Werft auf
die Forderungen ein. Die Werftarbeiter riefen das Ende des Streiks aus.
Zu diesem Zeitpunkt intervenierte Henryka Krzywonos bei Lech Wa³êsa und
überzeugte ihn, dass die Beendigung des Streiks im größten Betrieb – der Danziger Werft – es der Regierung erleichtern würde, den Widerstand
der übrigen zu brechen. Als Anführer des Protests rief Wa³êsa dazu auf,
in der Werft zu bleiben und den Streik im Namen der Solidarität mit
kleineren Betrieben fortzuführen.
Am 16. August wird das Überbetriebliche Streikkomitee (MKS) ernannt,
das schon am folgenden Tag 21 Forderungen sozialer und politischer
Natur formulierte, deren wichtigste die Forderung nach der Schaffung
unabhängiger Gewerkschaften war. Dem Protest schlossen sich weitere
Betriebe an, auch außerhalb der Baltischen Küstenregion, und auch in
anderen Teilen Polens entstanden Überbetriebliche Streikkomitees. Am
23. August erklärte sich die Regierung zu Verhandlungen bereit, und
eine Delegation mit dem stellvertretenden Premierminister Mieczys³aw
Jagielski kam in die Danziger Werft. Das Danziger MKS seinerseits lud
eine Reihe von Beratern ein, darunter Bronis³aw Geremek, Tadeusz
Mazowiecki und Jadwiga Staniszkis. Zu den Forderungen der Streikenden
kam nun noch die nach Freilassung der in Zusammenhang mit dem Streik
verhafteten Oppositionellen, darunter auch Jacek Kuroñ. Von der
Erfüllung dieser Bedingung machte das MKS die Unterzeichnung eines
Abkommens abhängig. In Stettin und Jastrz±b wurden ähnliche Gespräche
geführt.
Nach einwöchigen Verhandlungen versprach die Regierung angesichts des
Umfangs der Solidaritätsbekundungen, der breiten Unterstützung der
Bewegung in der Gesellschaft und der Hartnäckigkeit der Streikenden die
Forderungen zu erfüllen. Die so genannten Augustabkommen, die am 30.
August in Stettin, am 31. in Danzig und am 3. September in Jastrz±b
unterzeichnet wurden, versprachen nicht nur eine Verbesserung der Lohn-
und Arbeitsbedingungen, sondern auch weiterreichende Veränderungen.
Dazu gehörte die Erlaubnis zur Schaffung der ersten unabhängigen
Organisation zum Schutz von Arbeitern im Ostblock, die Unabhängige
Arbeitergewerkschaft Solidarno¶æ. Doch schon am 13. Dezember 1981
wurden anlässlich der Ausrufung des Kriegsrechts Tausende von
Angehörigen dieser Gewerkschaft verhaftet, die Gewerkschaft selbst
wurde als illegal erklärt und agierte von da an im Untergrund.
[4] Die freien Gewerkschaften waren eine oppositionelle
Arbeiterorganisation, die erste dieser Art in der Geschichte der
Volksrepublik Polen. Sie waren im Februar 1978 in Niederschlesien auf
Initiative von Boles³aw Cygan, Roman Ksciuczek, W³adys³aw Sulecki und
Kazimierz ¦witon entstanden. In der Küstenregion wurde die Freie
Gewerkschaft am 28. jenen Jahres ins Leben gerufen, zu den Gründern
gehörten Bogdan Borusewicz, Joanna Duda-Gwiazda, Andrzej Gwiazda und
Krzysztof Wyszkowski, bald darauf schlossen sich auch Lech Wa³êsa und
Anna Walentynowicz an. Die Aktivisten der Freien Gewerkschaft waren an
der Organisation der Streiks im August 1980 beteiligt und beteiligten
sich anschließend auch aktiv an der Gründung des Unabhängigen Autonomen
Gewerkschaft (NSZZ) Solidarno¶æ, zuvor hatten sie mit der
Bürgerrechtsbewegung KSS-KOR (KSS = Komitet Samoobrony Spolecznej – Komitee für gesellschaftliche Selbstverteidigung; KOR = Komitet Obrony
Robotników – Komitee zum Schutz der Arbeiter) zusammengearbeitet. Ziel
der der Freien Gewerkschaften war der Schutz der Arbeiterrechte und der
Kampf für ihre Interessen unabhängig von den offiziellen
Gewerkschaften. Die Aktivisten der freien Gewerkschaften wurden dafür
mit brutalen Repressionen bestraft. Sie organisierten Arbeiterproteste
und gaben eine Untergrundzeitung heraus, den schlesischen Robotnik
(Arbeiter) und den Robotnik Wybrze¿a (Arbeiter der Küstenregion).
[5] Der Priester Henryk Jankowski, damals Gemeindepfarrer an der
Brigittenkirche, hielt am 17. August 1980 eine Messe für die
streikenden Werftarbeiter.
[6] Ewa Milewicz studierte Jura an der Warschauer Uni, war an den
Ereignissen im März ‘68 beteiligt, Mitglied der KSS-KOR, beteiligt am
Streik der Danziger Werft im August 1980, Mitbegründerin des
Untergrundverlags NOWA, Redakteurin des Tygodnik Mazowsze (nach 1982)
und des Bulletins Dokumenty i informacje. Seit 1989 ist sie
Journalistin bei der Gazeta Wyborcza.
[7] Robotnicy ‘80 (Arbeiter 1980)
ist ein Dokumentarfilm von Andrzej Chodakowski und Andrzej Zajackowski
über den Streik und die Verhandlungen der Solidarno¶æ im August 1980.
[8] Krzysztof Strycharski, ihr zweiter Mann.
Der Text wurde auf Deutsch in „Transit: Europäische Revue” nr. 37/2009 veröffentlicht.
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky.
Das erste Mal erschien der Text in „Krytyka Poliytyczna” Nr. 15 unter dem Titel „Tramwajem do domu dziecka”.
Krytyka jest prosta jak budowa cepa :...
Dlaczego seria KP dotycz±ca kobiet na...