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Pyta³em decydentów MFW, jakie maj± dowody na to, ¿e ich neoliberalna polityka jest w³a¶ciwa. Odpowiadali, ¿e nie potrzebuj± dowodów. Wygl±da³o to tak, jakby chodzi³o im nie o politykê, lecz o religiê. Ale to tylko czê¶æ odpowiedzi. Forsowali tak± politykê tak¿e dlatego, ¿e chcia³o jej Wall Street. Niestabilno¶æ, kryzysy, ³±czenie firm, dzielenie firm to raj dla sektora finansowego, który robi na tym ogromne pieni±dze.
Joseph E. Stiglitz

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Mit der Strassenbahn zum Kinderheim Drukuj
Timothy Snyder   
20.07.2009
S³awomir Sierakowski spricht mit Henryka Krzywonos, Aktivistin der Solidarno¶æ und „Polin des Zweijahrzehntes” laut Kongress der Polnischen Frauen 2009. Einführung von Timothy Snyder. Der Text wurde in „Transit: Europäische Revue” nr. 37/2009 veröffentlicht. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky.

Sobald ein Ereignis abgeschlossen ist, bleibt nur noch seine Kontur sichtbar, wie der Panzer einer von der See ausgewaschenen Krabbe. So wird auch die Geschichte der Solidarno¶æ, die niemals wirklich geschrieben, aber immer politisch ausgebeutet wurde, zunehmend oberflächlich, starr und abstoßend. Das hier abgedruckte Gespräch mit Henryka Krzywonos gibt dem Ereignis ein wenig von seiner Lebendigkeit zurück. Es hilft uns, die Solidarität, die friedliche Revolution von 1980-89, vom heutigen Polen zu trennen und so beides besser zu verstehen.

Henryka Krzywonos wurde zu einer historischen Figur durch das, was sie 1980 und danach tat. Sie war eine Straßenbahnfahrerin, und sie beschloss, ihre Tram vor der Danziger Oper zum Stillstand zu bringen, um den Verkehr zu blockieren. Als sie es tat, applaudierten die Fahrgäste. Hätte sie es nicht getan, niemand hätte sich beklagt. Es gab einen Moment persönlicher Wahl, einer angstgeplagten Wahl, in einem historisch kritischen Moment. Durch ihre Entscheidung machte Henryka Krzywonos Geschichte: Sie initiierte den Streik des öffentlichen Verkehrs, der einen entscheidenden Schritt in der Eskalation des Werftarbeiterstreiks zum nationalen Ereignis bedeutete.

Henryka Krzywonos ist ein typisches Kind der Arbeiterklasse. Der Streik auf der Lenin-Werft im August 1980 brachte sie mit Intellektuellen zusammen wie etwa Bogdan Borusewicz oder Jacek Kuroñ. Ihre Beschreibung Lech Wa³êsas heroisiert ihn nicht, sondern stellt ihn als jemanden dar, der Menschen zu mobilisieren und auf ein Ziel einzuschwören vermag. Ihre Charakterisierung klingt echt und plaziert Wa³êsa dort, wo er hingehört: in die Mitte, nicht unbedingt an die Spitze der Ereignisse. Die Gruppe von Menschen, von denen sie erzählt, erinnert uns auch daran, dass nicht jeder, der damals eine Rolle spielte, dies auch heute noch tut. Einige sind gestorben, andere vergessen.

Ihr Leben verbindet die furchtbaren Repressionen unter der deutschen und der sowjetischen Okkupation Polens mit der Gegenwart, nicht vermittels großartiger Theorien, sondern kraft Familienerfahrung. Wie die Kindheit von Millionen von Polen, war auch die ihre gezeichnet vom Leid der Eltern – ein Leid, das die Eltern nie voll artikulierten und das ihre Kinder erst viel später begriffen. Diese Pathologie (so ihre eigene Wahrnehmung) schuf eigensinnige Loyalitäten und führte, zumindest in ihrem Fall, zur Verabscheuung von Gewalt. Die Solidarno¶æ war, neben vielem anderen, der Versuch, ein auf Gewalt gegründetes System gewaltlos zu ändern. Das ist freilich nur eine negative Definition. Das weiche und lebendige Zentrum der Bewegung, jener Teil, der am schwierigsten zu erfassen und zu beschreiben ist, war der menschliche Impuls der Solidarität: die Bereitschaft, sich gegenseitig anzuerkennen, und der Wille, einander zu helfen. Von Solidarität in diesem Sinne ist Henryka Krzywonos’ Leben getragen, heute wie damals.

Timothy Snyder

Interview [1]:

S³awomir Sierakowski: Krzywonos ist Ihr Vatername?

Henryka Krzywonos: Nein, das ist der Nachname meines ersten Mannes.

So hieß der Kosakenhetman, einer der Anführer des Chmielnicki-Aufstandes, der in »Feuer und Schwert« verewigt ist. Er war für seine besondere Verwegenheit berühmt.

Ich weiß, ich bin auch so. Vielleicht, weil ich im Gefängnis zur Welt gekommen bin. Meine Mutter hat unter Stalin gesessen. Verurteilt nach diesem Paragraphen »Absichtliches Verschweigen«.

Was heißt das?

Sie hat wegen meines Vaters gesessen, er war im Gefängnis gewesen und ist dann abgehauen. Und meine Mutter hat ihn nicht verraten. Er war im Gefängnis, weil er sich ein bisschen in Politik eingemischt hatte, aber ich hab keine Ahnung, weshalb genau.

Ihr Vater hat nichts erzählt?

Bei uns wurde ganz wenig über dieses Thema geredet. Mein Vater war aus Wilna, er hat in drei Konzentrationslagern gesessen, in Dachau, Buchenwald und Birkenau, aber man konnte kaum etwas darüber aus ihm herauskriegen. Wenn er einen Gefühlskoller kriegte, im Rausch, dann hat er erzählt. Tragische Geschichten. Dass ich im Gefängnis geboren wurde, habe ich mit sieben Jahren erfahren, und ganz durch Zufall. Heute verstehe ich das Ganze, ich kann es mir zusammenreimen und verstehe meinen Vater, es wundert mich nicht einmal mehr, dass er trank. Als er aus dem Lager kam, wog er 28 Kilo, ein stattlicher, kräftiger, gut aussehender Mann, der als Wrack aus den Lagern kam.

Durch welchen Zufall haben Sie erfahren, dass Sie im Gefängnis geboren sind?

Ich erfuhr, dass mein Vater aus dem Gefängnis geflüchtet war. Aus seinem Versteck ist er dann schnell nach Haus gerannt. Sie sind ja noch sehr jung, Sie können das nicht wissen, aber früher gab es einen Zwei-Z³oty-Geldschein. So einen Zwei-Z³oty-Schein legte er auf den Tisch, dann sprang er aus dem Fenster. Jemand verpfiff ihn, und meine Mutter haben sie eingelocht, diese zwei Zloty hatten verraten, dass sie ihn versteckt hielt. Sie war schwanger. Meine Brüder kamen ins Kinderheim, und ich kam im Gefängnis zur Welt.
Mein Vater hat sich nie mehr gefangen. Zehn Tage im Monat war er nüchtern, zwanzig betrunken oder im Rausch, wie man so schön sagt, unser Leben war sehr hart. Im Konzentrationslager hatte er verschiedene Berufe gelernt, er war ein sehr guter Friseur und ein Tausendsassa, er konnte alles, aber er hatte Asthma und tat kaum etwas. Doch wenn er mal arbeitete, dann mussten wir Kinder mit ran. Einmal arbeitete er als Heizer, da gingen wir Koks schaufeln. Meine Mutter schuftete damals auch hart, sie arbeitete in einer LPG, bei der Kartoffelernte, da mussten wir auch mit.

Wo haben Sie gewohnt?

Damals wurden Leute von außerhalb in Danzig nicht gemeldet, und meine Mutter war aus Warschau, sie war wegen meines Vaters hierher gekommen. Wir wohnten in einer Kammer bei meiner Großmutter, und wir mussten eine Wohnung suchen. Am ersten Juli 1959, am Halina-Tag, dem Namenstag meiner Mutter, zog sie auf eigene Faust zu meinem Vater, und da sie sich eine Arbeit besorgt hatte – als Straßenfegerin – durfte sie dort bleiben. Anmelden konnte sie sich aber erst Mitte der sechziger Jahre. Wir waren damals schon drei Kinder, die Lage war schwer. Wenn sie den Boden aufgewaschen hatte, legte meine Mutter Papier drauf, damit er trocknete. Anstatt eines Sofas oder Betts waren Ziegel da, darauf lagen Strohsäcke zum Schlafen. Und an Heiligabend, wenn andere Leute Weihnachtslieder sangen, sang mein Vater russische Lieder. Er war ein seltsamer Mensch. Er zeigte uns nie, ob er uns lieb hatte, so was gab es bei uns gar nicht. Wenn er im Rausch war und etwas aus seinem Leben erzählte, dann immer nur als Warnung für uns. Er erzog uns zu rebellischen Menschen. Ich rebellierte gegen alles. In der Schule hatte ich Probleme mit Russisch, ich wollte es nicht lernen. »Warum willst du nicht russisch lernen?« fragte meine Lehrerein. »Was soll ich denn mit so einem Russki reden?« hab ich geantwortet.

Hat Ihr Vater zu Hause russisch gesprochen?

Ein bisschen ja. Ich verstehe Russisch bis heute. Mit dem Reden geht es schlechter, aber damals, das war Auflehnung, wir wollten diese Sprache nicht lernen.

Ihre Brüder wurden schließlich aus dem Kinderheim geholt?


Ja klar, meine Mutter kam aus dem Gefängnis und holte die Kinder nach Hause. Sie war eine sehr anständige Frau und arbeitete hart. Sie arbeitete in einem Betonwerk, da musste sie Wagen mit Steinen, mit Zement ziehen. Es wurde richtig tragisch. Oft war kein Brot im Haus. Und dann starb mein Vater.

In welchem Jahr war das?

1966. Damals fing meine Mutter an zu trinken. Ich musste mich um sie und meine Schwester kümmern, die noch zu Hause war. Da kam ich wieder ins Kinderheim. Das hatte ich mir selbst so eingerichtet. Ich hatte eigentlich mit meiner Schwester gehen wollen, aber das erwies sich als unmöglich, weil meine Mutter bei Gericht angegeben hatte, dass sie uns nach Haus holt. Ich legte Einspruch ein und sagte, ich würde bleiben, deshalb wurde ich in ein Kinderheim eingewiesen.

Und Ihre Schwester blieb bei der Mutter?


Ja, meine Schwester blieb bei meiner Mutter, sie bekam einen Vormund. 1970 zog ich zurück nach Hause und kümmerte mich um meine Schwester. Ich musste mir eine Arbeit suchen. Zuerst habe ich in der Danziger Hafenbehörde geputzt. Sie kriegten schnell raus, dass ich einen Lehrgang als Stenotypistin gemacht hatte und gut tippe. In der Hafenbehörde bekam ich Arbeitsaufträge und eine Maschine, und nachts tippte ich, um etwas zu meinem Lohn dazuzuverdienen. Dann ergab sich die Gelegenheit zu einem Lehrgang als Straßenbahnführer. Dazu hat mir ein Mann verholfen, der bei uns in der Straße wohnte, Jan Szulc, soll seine Seele im Paradies wandeln. Mit achtzehn bekam ich einen Platz in dem Kurs, ich bestand ihn und wurde Straßenbahnführerin.

Gab es viele Straßenbahnführerinnen?

Nicht viele, aber einige. Ich war schlagfertig und abgebrüht, Kinder aus pathologischen Familien finden sich manchmal gut im Leben zurecht. Ich wusste, dass ich mit meiner Mutter, ja mit der ganzen Welt würde kämpfen müssen, wenn ich meiner Mutter helfen wollte, und mir selbst auch, denn bei uns zu Hause war die Lage kritisch, wenn ich nach Hause kam, saß ihre ganze Kumpanei um den Tisch. Manchmal musste man die Leute einfach rausschmeißen. Meine Schwester ging in die Schule, ich zur Arbeit.

Wie viel jünger ist Ihre Schwester als Sie?

Acht Jahre. Kinder wie wir müssen immer kämpfen, um durchzukommen. Ich dachte immer, ich sei schlechter als die anderen, als Kind war ich nie so angezogen wie es sich gehörte. Zum Beispiel am Kirchweihtag an der St. Hedwigs-Kirche. Das ist eine Kirche in Danzig, wo immer viele Buden bei der Kirchweih sind, und man kann etwas gewinnen. Diese Kirchweih ist am 15. Oktober, es ist also schon kalt. Meine Freundinnen hatten alle schon Mäntel an und warme Stiefel, während ich in Turnschuhen und Pullover oder einer alten Jacke von meinen Brüdern herumlief. Das sind Situationen, die ein Mensch nicht vergisst, ich habe immer gemeint, ich sei schlechter als die anderen. Wenn eine Freundin damit angab, was ihre Mutter zu Mittag gekocht hatte, erzählte ich, bei uns hätte es Kotelett oder Hühnchen gegeben. Ich lernte einfach zu lügen.

Um die Würde zu wahren?

Ja, um meine Würde zu wahren. Später, als ich schon in beim WPK (den Verkehrsbetrieben der Küstenregion) arbeitete, half mir Herr Janek, der immer auf meiner Seite stand und mich einfach gern mochte, er wusste genau, in welcher Situation ich war, er kannte meine Eltern. Eine Zeitlang habe ich meine Mutter unterstützt, als sie mit dem Trinken aufhören wollte und allmählich wieder zu einem normalen Leben zurückfand. Ich gab ihr fast meinen ganzen Lohn, für mich selbst behielt ich nur ein paar Groschen. Er wusste, wenn ich am nächsten Tag zur Arbeit kam, würde ich Hunger haben. Dann brachte er belegte Brote mit und legte sie so in meine Tasche, dass niemand es mitbekam. Das war ein wunderbarer Mensch, ich kann mich noch gut an ihn erinnern. Er war besser als mein Vater, von meinem Vater habe ich nur den Gürtel zu spüren bekommen. Heute sage ich immer, dass mich das sehr abgehärtet hat, aber ich bin gegen das Schlagen von Kindern, ich meine, es sollte ganz verboten werden, Kinder zu schlagen. Das weckt nur Aggressionen, ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich habe zu meinem Vater nie gesagt »Entschuldigung«, denn ich wusste, dass ich für etwas geschlagen wurde, was ich nicht getan hatte. Dafür, dass ich am falschen Ort gewesen war, dafür, dass ihm etwas schiefgegangen war. Wenn ich heute von all diesen Fällen von Brutalität höre, dann packt mich der Zorn. Es ist für mich unfassbar, dass ein Elternteil einem Kind so etwas zufügen kann, dabei bin ich mit dem Gartenschlauch verprügelt worden, wenn Sie sich das vorstellen können. Irgendwo habe ich gelesen, dass Tusk körperliche Züchtigung von Kindern ganz unter Strafe stellen will. Wenn er das macht, hat er meine volle Unterstützung.

1970 sind Sie aus dem Kinderheim nach Hause gekommen, 1973 sind Sie Straßenbahnführerin geworden und haben angefangen, beim WKP zu arbeiten. Und Freunde, Bekannte? Hatten Sie einen Freundeskreis?


Ich hatte keinen Freundeskreis. Ich bin immer nur herumgehetzt, um Geld zu verdienen. Ich hab versucht, so viele Stunden wie möglich zu machen, beim WKP verdiente man nicht gut. Da musste man 400 Stunden im Monat machen, um anständig zu verdienen.

Waren Sie in der Partei?

Nein. Mein Kontakt mit dem Apparat beschränkte sich auf zwei von der Gewerkschaft organisierte Ausflüge zum Pilzesammeln.

 Warum wollten Sie nicht Mitglied werden?

Man hat es mir vorgeschlagen. Aber es reizte mich nicht. Bei uns zu Hause wurde das völlig abgelehnt.

Ihre Eltern waren antikommunistisch?

Ja, total antikommunistisch, von Anfang an. Wenn mein Vater betrunken war, riss er manchmal nachts das Fenster auf und beschimpfte die »Roten« aufs wüsteste. Einem Kind bleiben solche Dinge haften. Auch das schlechteste Elternteil ist doch ein Vorbild für ein Kind. Außerdem hatte ich eine Lehrerin in der Schule, Frau Baranska, sie war sehr scharfzüngig. Sie unterrichtete bei uns Geschichte, dabei war sie unglaublich direkt, sie sagte die Wahrheit.

Was zum Beispiel?


Na ja, alles, auch über Katyn.

Über Katyn?

Über Katyn, über alles mögliche. Ich ging gern zu ihr nach Hause. Wir waren eine ganze Gruppe, die sie regelmäßig besuchte. Von ihr habe ich auch erfahren, dass nicht nur die Deutschen Polen angegriffen haben, sondern dass die Sowjetunion auch daran beteiligt war. Von ihr habe ich auch über diese fünf Tage gehört, an denen die Russen alles durften, sie haben polnische Frauen vergewaltigt, und wenn ihnen etwas nicht gefiel, haben sie Leute umgebracht. Wenn sie nicht trank, konnte man mit meiner Mutter reden. Sie war ein sehr geselliger, umgänglicher Mensch. Einmal, als mein Vater vom Lager erzählte, hat meine Mutter gesagt: »Ich hab in Warschau auch einiges mitgemacht.« Sie war aus Warschau, dort war sie geboren und aufgewachsen. »Ich ging schmuggeln. Hört zu. Es war Winter, Schnee bis zur Hüfte, wir gehen durch ein Roggenfeld…« Was für ein Quatsch, hab ich gedacht, im Winter durchs Roggenfeld?! Ich erzählte das der Baranska, und die sagte: »Kind, das ist die Wahrheit. Die Menschen haben das Getreide nicht geerntet. Der Roggen stand noch, und sie hatten zusätzliche Deckung, wenn sie durch das Feld gingen.« Das war ein wunderbarer Mensch. In der Schule hat sie nicht viel gesagt, das konnte sie ja nicht, aber sie hat uns zu sich nach Hause eingeladen. Heute ist mir klar, dass sie dafür hätte ins Gefängnis gehen können, die hätten alles mögliche mit ihr machen können….

Gegen die Partei waren Sie also geimpft. Und die Gewerkschaften?

Wissen Sie, das war so eine Zeit, da wurde man Mitglied bei der Gewerkschaft, ob man es wollte oder nicht.

Schützten diese die Arbeiter irgendwie?

Ganz und gar nicht. Es gab einen Betriebsrat, mit dem ich Probleme hatte. Das sah so aus, dass meine Kollegen sagten: »Bei der Versammlung, da werd ich’s denen schon zeigen.« Sie kamen zur Versammlung, setzten sich hin und – Stille. Aber Henka natürlich, die Dumme, stellt sich hin und macht das Maul auf, egal, ob in eigener oder nicht eigener Sache, und dann gab es immer eins auf den Deckel. Manchmal haben sie mir die Prämie gestrichen, weil ich Schnauze riskiert hatte, manchmal bekam ich eine andere Straßenbahnlinie zugewiesen. Jedenfalls war es so, dass wir nicht selten die Arbeit niederlegen wollten, nicht unbedingt wegen der Bezahlung, sondern eher wegen der katastrophalen Arbeitsbedingungen. Als ich anfing zu fahren, schlossen sich die Straßenbahntüren noch nicht selbsttätig, sondern die Fahrgäste mussten sie schließen. Ich bekam die Linie 3, die fuhr da entlang, wo heute das Denkmal der Werftarbeiter steht.

Da war eine Schleife?

Ja. Man kam an, fuhr eine Schleife und wieder zurück. Dort sammelten sich die Werftarbeiter, nach der Arbeit. Sie hingen wie Trauben an der Straßenbahn, deshalb fuhr man ganz langsam. Der Fahrer saß auf einem runden Sitz, von den Fahrgästen nur durch eine Schranke getrennt. Wenn man langsam fuhr, regnete es Beschimpfungen. Wenn man zu schnell fuhr, musste man aufpassen, dass keiner runterfiel, denn man hatte die Verantwortung. Beim Losfahren mussten die Türen geschlossen sein, aber die Türen flogen oft wieder auf, die Stromabnehmer rissen ab… Wenn der Schaden groß war, stand die ganze Linie still, das kam auch vor. Dann hieß es »Scheiße« von allen Seiten, »fahr doch Kartoffeln aus« und so. Sie scheuten nicht davor zurück, einem eins auf die Rübe zu geben.

Haben Sie sich gewehrt?


Ich bin keinem was schuldig geblieben.

Daran habe ich keinen Zweifel.

Dabei war es dem Fahrer verboten, mit den Fahrgästen zu sprechen.

Natürlich.


Aber ich muss Ihnen sagen, am schlimmsten war es, wenn diese Türen wirklich nicht zugingen. Sobald wir am Ende der Schicht ins Depot kamen, meldeten wir es, der Leiter kam raus und sagte: »Was kann ich denn dagegen machen?« Ich hatte eine Kollegin, die hatte ein kleines Kind. Einmal sagte sie: »Tut mir leid, aber ich muss jetzt nach Hause, nach Rumia und mein Kind im Kindergarten abholen.« Der Leiter sofort: »Verpiss dich in deine Bahn und fahr los!« Sie bricht in Tränen aus. Ich sage: »Was weinst du denn?«, und zu ihm: »Verpiss dich doch selbst in die Bahn und fahr.« Er darauf: »Ich kann nicht fahren.« »Was bist du denn für ein Leiter?« hab ich da gesagt. Das waren Leute ohne jede Bildung, genau wie wir ja auch. Es war schockierend. Der einzige Unterschied zwischen ihnen und uns war, dass wir Straßenbahn fahren konnte und sie die Leiter waren. Wenn einer in der Partei war, konnte er auch mit Volksschulabschluss Direktor werden. Ich bin damals natürlich auch nicht in diese Straßenbahn gestiegen, obwohl er es mir befahl. Niemand ist eingestiegen. Und am nächsten Tag sind wir gekommen und hatten alles schon beschlossen, wir wollten die Arbeit niederlegen. Der Kollege, der am nächsten Tag die erste Schicht hatte, sollte streiken und nicht losfahren. Aber er kam zur Arbeit und sagte: »Hört zu, ich fahr lieber doch, ich hab Familie, ich hab Kinder, ich will nichts riskieren, ich hab das Ganze mit meiner Frau durchdiskutiert, und sie hat gesagt, sie ist absolut nicht einverstanden.« Und ehrlich gesagt wussten wir, dass er recht hatte, dass er die Familie nicht gefährden durfte. Bei den Verkehrsbetrieben arbeiteten damals Leute, die ganz fest zusammenhielten. Keiner ging zum Vorgesetzten, keiner zeigte beim Direktor an, wir machten alles unter uns aus.

Damals hat es also noch nicht geklappt.


Ganz oft hat es noch nicht geklappt, aber dann kam das Jahr achtzig.

Warum hat es ausgerechnet 1980 geklappt? War das schon der Einfluss der Freien Gewerkschaften?

Zuerst muss ich dazu sagen, dass sich meine persönliche Situation geändert hatte. Meine Schwester hatte geheiratet, ich brauchte mir um sie keine Sorgen mehr zu machen, ich war frei. Ich schuftete nicht mehr wie eine Verrückte, ich fuhr nicht mehr so viel, machte nicht mehr so viele Schichten. Ich fuhr auf der Linie 15. Und immer morgens und nachmittags, wenn die Werftarbeiter von der Arbeit kamen oder auf die Arbeit gingen, dann segelten Flugblätter durch die Luft. An der Werft ist eine Überführung, darunter fuhren die Lokalbahnen. Mit diesen Lokalbahnen fuhren die Leute von der Werft zum Neuen Hafen, nach Danzig oder nach Gdingen. Und die Leute aus den freien Gewerkschaften gingen dorthin, und wenn besonders viele Leute auf und unter der Brücke unterwegs waren, warfen sie die Flugblätter ab, und diese Flugblätter gerieten auch an mich. Meistens bekam ich sie von einem Passagier, der zwei, drei mitgenommen hatte, ich nahm so ein Flugblatt und war einfach baff. Ich konnte nicht begreifen, dass jemand seine Telefonnummer und seine volle Adresse angab. Dass einer solchen Mut haben konnte.

Von wem haben Sie durch diese Flugblätter erfahren?

Am stärksten ist mir Bogdan Borusewisz haften geblieben. Aber es gab noch viele andere Namen. Ich könnte heute in meinen Papieren suchen, diese Flugblätter habe ich noch irgendwo. Da war der Moment gekommen, dass sich in Polen etwas tat, und bei uns in den Verkehrsbetrieben auch. Ich kann mich noch an die Versammlung im Klubraum erinnern, alle kamen voller Begeisterung zu dieser Versammlung.

Wer hatte die organisiert?

Die Leitung. Wir waren alle schon darauf vorbereitet, dass es einen Riesenknall geben würde. Uns hing das alles schon zum Hals heraus. Es ging ja nicht mal um den Lohn. Wir hegten ja wegen des Lohns gar keinen Groll, es ging vielmehr darum, dass die Straßenbahnen kaputt waren…

Um die Arbeitsbedingungen…


… dass wir von den Passagieren eins auf den Deckel kriegten und beleidigt wurden. Das war so im Juli 1980. Wir hatten schon seit einiger Zeit das Gefühl, dass sich bei uns Chaos einschleicht. Unsere Arbeits- und Streckenpläne schienen plötzlich ganz unsinnig zusammengestellt. Allmählich wurde uns klar, dass die Leitung unter uns Streit säen wollte. Und dann kam der August. Streik in der Werft.

Wie haben sie von dem Streik erfahren?

Ich weiß nicht, vielleicht beim Fahren, vielleicht schon einen Tag vorher. Das weiß ich wirklich nicht mehr.

Aber Ihre letzte Fahrt, mit der der Solidarno¶æ-Streik des öffentlichen Verkehrs in Danzig begann, an die können Sie sich erinnern?

Ich kann mich nicht einmal genau daran erinnern, wie ich an dem Tag aus dem Depot fuhr, was ich da gedacht habe. Ich kann mich nur an die sechs Haltestellen bis zur Oper [2] erinnern.  Ich erinnere mich noch genau an meine Nervosität und die Angst…

Hatten Sie das geplant, dass sie einfach mit der Straßenbahn stehen bleiben?

Ich weiß nicht, wahrscheinlich nicht. Aber ich hab schon gewusst, dass ich etwas machen werde. Ich erinnere mich an eine schreckliche Angst. Wenn ich gewusst hätte, ich werde an die Wand gestellt und erschossen, dann hätte ich weniger Angst gehabt. Ich wusste nicht, was die Leute sagen werden, wenn ich dort ankomme.

Hatten Sie vorher jemandem erzählt, dass Sie etwas vorhaben?

Ich habe keinem etwas gesagt. Das war ganz spontan.

Sie fahren also Richtung Oper. Eine Haltestelle nach der anderen…


Ich fahre und denke: Mein Gott – stoppen – nicht stoppen, stoppen – nicht stoppen. Herr im Himmel, und was, wenn sie mich vermöbeln? Daran kann ich mich erinnern.

Warum ausgerechnet vor der Oper?

Wenn die Straßenbahnen an der Oper stehen, dann stehen sie in ganz Danzig. Man kommt nicht durch. Man kann nur noch mit der Zehnerlinie zum Hafen fahren und sonst nichts.

Wir kommen also an der Oper an, und…

Ja, da hab ich gedacht: klappt es – klappt es nicht, klappt es – klappt es nicht, so wie ein spätes Mädchen mit ihrem »er nimmt mich – er nimmt mich nicht.« Ich hab überlegt, wie das sein wird, und da stand ich auch schon vor der Oper, in der Mitte. Die Straßenbahn war voller Leute, und ich stieg aus.

Um wie viel Uhr war das?

Die Leute waren auf dem Weg zur Arbeit, aber wie viel Uhr es genau war, das weiß ich nicht mehr. Ich blieb stehen und hab gesagt: »Diese Straßenbahn fährt nicht mehr weiter«. Die Leute waren so etwas gewohnt, die Straßenbahnen sprangen aus den Gleisen, die Türen gingen nicht zu, dann sagte wir den Leuten, dass sie aussteigen mussten.

Am Anfang wussten die Leute also nicht, um was es ging?

Ach was, natürlich. Ich sage: »Wir bleiben stehen, weil die Werft stillsteht. Wir müssen den Streik der Werftarbeiter unterstützen.« Ich hatte Angst vor dem, was jetzt kommen würde, und die Leute fingen an, Beifall zu klatschen. Das war unglaublich. Und ich mittendrin, ich habe geweint, das hat man nicht gesehen, aber ich habe geweint. Ein Typ kam auf mich zu, so ein kleiner, dunkler, ich erinnere mich an seine Worte: »Ich bin vom PKS (Regionalbusverkehr), ich heiße Zdzis³aw Kobyliñski, wir streiken auch.«
Und dann kamen die anderen Fahrer, meine Kollegen. Die Jungen sagen: »Wir bringen die Straßenbahnen zurück ins Depot, unsere Basis ist auf der Karl Marx-Straße.« So hieß damals die Hallerstraße. »Wir fahren mit Bussen, wir holen euch ab.« Und so geschah es auch.

Hinter Ihnen standen jetzt weitere Straßenbahnen. Regte sich denn niemand auf, dass er nicht zur Arbeit kam?


Keiner, absolut keiner. Das hat die Leute gar nicht gestört.

Und weiter?

Ein paar Fahrer warfen ein: »Hört mal, wir müssen aber auf unsere Arbeitsplätze aufpassen.« Also teilen wir Wachen ein, passen auf, dass Ordnung gewahrt wird. An jedem Depot blieben Leute zurück, die aufpassten. Die Leute blieben massenweise dort.

Fiel gleich zu Anfang das Wort »Streik«?


Natürlich, Streik! Wir wählen ein Komitee. Ein Riesenchaos. Leute suchen einander, andere suchen schon einen Schlafplatz für die Nacht, weil sie wissen, dass sie bleiben. Wieder andere sagen: »Ich geh nach Hause, ich streike nicht, mich interessiert das nicht.« Aber das waren nur wenige. Wir reden Leuten mit einer schwierigen Familiensituation zu, sie sollten nach Hause gehen. Ja, und natürlich schicken wir einen Kollegen zur Werft, er soll sich vorstellen und unsere Forderungen vortragen, die wir zuvor aufgestellt hatten. Er soll uns auch berichten, was auf der Werft vor sich geht. Unser Kollege fährt also los und kommt ganz lange nicht wieder. Am Ende steht die Werft schon gar nicht mehr?

Aber der Kollege war nach Hause gefahren.


Ja, leider, so war es. Also sagt einer: »Hör mal, Henka, fahr du doch auf die Werft.« Ich setz mich also mit einem Kollegen in einen kleinen Fiat und wir fahren los. Wir kommen an der Werft an – und nun? Wie sich herausstellt, verkündet Wa³êsa gerade das Ende des Streiks.

Haben Sie bei der Gelegenheit Wa³êsa zum ersten Mal getroffen?

Ich weiß noch, dass ich auf einen Akkuwagen sprang und aus vollem Halse schrie, brüllte, wie ich heiße und woher ich bin. Da kamen die Leute alle raus. Anna Walentynowicz kam herbeigestürzt und fing auch an zu schreien. Neben mir steht ein älterer Werftarbeiter, auf einmal kommt Wa³êsa. Wa³êsa kommt also an, da sagt der Arbeiter zu mir: »Das ist der Streikführer.« Ich also sofort zu ihm. Heute erfahre ich aus Büchern, was ich damals gesagt habe.

»Verrat! Wenn ihr uns im Stich lasst, sind wir verloren! Die Werft werden sie in Ruhe lassen, aber die kleineren Betriebe werden sie zerquetschen wie Wanzen! Brecht den Streik nicht ab, Autobusse werden die Panzer nicht besiegen!«


Ich will es nicht wiederholen, weil ich mich nicht mehr erinnere. Ich weiß, dass ich ihm gesagt habe, dass sie uns verraten. Ich hab gesagt, dass wir mit Straßenbahnen keine Panzer aufhalten können.

Wie haben sie reagiert?

Neben Wa³êsa steht so ein kleiner Werftarbeiter, ein kleinwüchsiger Typ, ich weiß noch nicht, wer das ist. Wa³êsa wendet sich an ihn und sagt: »Bogdan, was sollen wir machen?« »Tja, schwer zu sagen.« »Also gut, wir streiken.« Das kam von Wa³êsa: »Wir streiken, wir streiken.« Wa³êsa geht zurück, er fängt an zu rufen, es sind nicht viele Leute in der Werft. Dann fahren wir alle mit dem Akkuwagen in einen großen Saal. Dort herrscht Chaos, Gedränge, einer schreit lauter als der andere. Bogdan sitzt an einem Tisch. Ich gehe zu ihm und sage: »Herr Bogdan, hier sind unsere Forderungen.« Er nimmt sie entgegen. Dann höre ich, wie es heißt, dass ein Komitee gebildet werden muss. Sie bitten uns an einen Tisch, hinter uns steht eine Masse von Leuten aus der Werft, es wird gewählt. Vorschläge fallen, wer ins Komitee soll. Jemand ruft meinen Namen. Ich weiß nicht, vielleicht war es Bogdan Borusewicz, ich bin nicht sicher, vielleicht auch Lech, ich erinnere mich nicht. Heute bin ich sicher, dass es nur daran lag, dass ich so laut gebrüllt hatte.

Und das ist dann schon das Überbetriebliche Streikkomitee [3].

In dieses Komitee kamen alle möglichen Leute, aber nicht Bogdan. Mich hat das interessiert. Von Kindheit an bin ich ein Mensch gewesen, der alles ergründen will. Bis heute bin ich so. Wenn ich zum Arzt gehe, will ich alles wissen. Damals war das auch so, ich ging zu Bogdan und habe ihn gefragt. Er sagte: »Weil ich außerhalb des Komitees nützlicher sein kann.« Aber das hat mir nicht gereicht, deshalb hab ich weiter gefragt, und da habe ich zum ersten Mal erfahren, dass er bei KOR war, und dass KOR nicht hervortreten dürfe, das sei das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (Komitet Obrony Robotników). Damit konnte ich sofort etwas anfangen, und ich sagte: »Ich kenne Sie, ich kenne Sie von den Flugblättern.« Und ich habe gefragt, ob ich ihn umarmen durfte, ich habe ihm gesagt, wie sehr ich ihn verehrte. Damals erfuhr ich auch von Andrzej Gwiazda und hörte, wie die freien Gewerkschaften entstanden waren. [4]  Das hat mir imponiert, mir, der grauen Maus, die von ihren Eltern ganz kleingemacht worden war. Es hat mir imponiert, dass ich unter solchen Menschen war, sie waren für mich sehr bedeutend. Bis heute sind sie bedeutend. Das war unglaublich.

Sind Sie zurück in Ihren Betrieb gefahren?


Ja. Spät in der Nacht bin ich wieder in den Fiat gestiegen und zum Autobusdepot gefahren und hab gesagt: »Also, die Sache ist so, ich bin ins Streikkomitee gewählt. Seid ihr einverstanden, dass ich drin bleibe? Oder sollen wir jemand anders wählen, der an meiner Stelle geht?« Ich stand auf einem Stapel Paletten und schrie meine Worte. Natürlich wollten sie, dass ich zurück ins Komitee ging. Da sagte ich: »Gut, aber dann wollen wir zwei Kollegen als Verbindungsleute wählen. Die sitzen auf der Werft und kommen immer zum WPK und berichten, was dort geschieht. Solange ich kann, komme ich auch.« Denn da wusste ich schon von Andrzej Gwiazda, dass das nicht so einfach sein würde. Dass alles mögliche passieren konnte. Es gab noch keine Passierscheine.

Ist die Miliz euch gefolgt?

Die ganze Zeit. Gleich von unserer Basis aus sind sie uns hinterher bis zur Werft. Wir sind dann durch einen anderen Eingang rein.

Sie gehen also zurück zur Werft. Was geschieht dann?

Ein Riesenchaos, alle laufen durcheinander. Leute von draußen bringen Brot, etwas zum Draufschmieren. Am oberen Ende steht der Tisch der Vorsitzenden, daran sitzen wir. Alles mögliche passiert auf einmal, ich erfahre zum Beispiel vom Sicherheitsdienst (SB), davon hatte ich noch keinen blassen Schimmer. Joanna Gwiazda, Andrzejs Frau, kriegte einen Koller, weil sie einen SB-ler gesehen hatte, ihr wurde schlecht, und sie musste hinausgebracht werden.

Was passierte mit dem SB-ler?

Ich weiß nicht. Da passierte so viel.

Womit waren Sie zu dem Zeitpunkt beschäftigt?

Zuerst hab ich erzählt, wie meine Kollegen vom WPK eine tolle Idee hatten, wie sie das Problem mit dem Benzinmangel lösen konnten. Sie befestigten ein Band mit der Aufschrift »MILICJA« und bekamen so an jeder Tankstelle kostenlos Sprit. Da kam Jacek Klys zu mir, der im Komitee die Raffinerie vertrat, und sagte: »Du, wenn ihr einen Tank im Betrieb habt, dann geht das klar, in der Raffinerie ist genug Benzin.« Ich also sofort zu einem von unseren Leuten und frage: »Leute, haben wir da einen Tank?« »Ja«, sagt er. »Dann geh zum Direktor und frag um Erlaubnis, ob du den mitnehmen kannst.« Ich fuhr mit dem Kollegen zum Herrn Direktor, aber der Direktor sagt: »Nur über meine Leiche«. »Dann sind sie schon tot«, sag ich darauf, und mein Kollege: »Los, nimm den Tank, wir fahren in die Raffinerie.« Ich hatte ein Heft, da wurde eingetragen, was und wie viel, das habe ich heute noch. Später gab’s einen Haufen Streitigkeiten deshalb. Meine Kollegen machten mir Vorwürfe, ich gäbe ihnen zu wenig Benzin, dem da geb ich dreißig und ihnen auch dreißig, dabei sind sie doch meine Kollegen und müssten mehr kriegen. Aber ich war so erzogen, wenn man dem einen eine Kruste Brot gibt, dann dem anderen auch, und das hatte nichts mit Kollege oder Nichtkollege zu tun. Der eine ist genauso hungrig wie der andere, und damit basta.

Haben Sie denn das Benzin verteilt?

Ich habe Karten mit dem Stempel des Streikkomitees ausgegeben.

Und wo haben Sie auf der Werft geschlafen?

Mal auf zwei zusammengeschobenen Stühlen, mal auf dem Boden. Es gab auch Nächte, da schlief ich auf einer Luftmatratze. Ein gewisser Grzesio, ein Maler, hat die mir besorgt. Eine Nacht hab ich mich auf der Matratze ausgeschlafen, am nächsten Tag hatte ein anderer keinen Platz zum Schlafen, da gab ich ihm die Matratze ab, damit er schlafen konnte. Man schlief jeweils zwanzig Minuten, jemand hatte ein Gitarre, es wurde gesungen, ich war ein junges Mädchen, Schlafen interessierte mich nicht. Später wurde ich in die Delegation gewählt, die zur Bezirksverwaltung sollte. Florek Wi¶niewski, Bogdan Lis und ich fuhren dorthin, um die Herren zum Gespräch einzuladen.
Natürlich haben sie zugesagt, ja, sie würden kommen. Es gab noch alles mögliche damals, auch eine Messe mit Jankowski [5].
Aber man musste sich ja auch waschen und dergleichen. Diese prosaischen Dinge vergisst man immer, dabei ist das so schwer zu organisieren. In den Abteilungen gab es Toiletten, aber bei uns waren beispielsweise zwei, und eine Masse Leute. Kein Buch und kein Film haben die Wahrheit der Werft damals gezeigt. Experten kamen. Ich wurde in einen Strudel gezogen, in dem mir beigebracht wurde, was Politik ist, wozu diese freien Gewerkschaften und so weiter. Ich war ja ein Grünschnabel. Leute von KOR kommen vorbei, ich lerne Ewa Milewicz [6]  kennen, auch andere Leute…

Wen von KOR haben Sie noch kennengelernt? Jacek Kuroñ? Nein, der ist doch zu dem Zeitpunkt interniert.


Ja, Jacek Kuroñ sitzt zu dem Zeitpunkt im Knast, aber ich höre von ihm. Von Bogdan und Andrzej Gwiazda kriege ich einen Schnellkurs. Sie zeigen mir, was da in Polen geschieht. Wenn ich zur WPK fahre, reißt Andrzej einen Schnipsel von dem Passierschein ab und sagt: »Guck mal, das mache ich jetzt deshalb, damit ich nachprüfen kann, ob niemand reinkommt, der einen nicht angerissenen Passierschein hat. Die können alles kopieren.« Ich versuche, das alles in mich aufzunehmen. Dort habe ich mein Politikstudium absolviert. Ich lerne, ich höre zu, was sie sagen, ich lausche Ania Walentynowicz, sie weiß so viel. Ania ist ja viel älter als ich, sie könnte meine Mutter sein. Damals konnte man erfahren, was der Weg von KOR war, weshalb die Freien Gewerkschaften entstanden, wogegen sie sich auflehnen. Nach und nach identifiziere ich mich ganz intensiv damit. Auf der Werft schätzen mich meine Kollegen. Als Andrzej dieses Stück von meinem Schein abgerissen hat, da wusste ich, dass ihm an mir gelegen ist. Das alles hat seine Wirkung auf mich und baut mich auf. Ich weiß, dass man mich braucht, dass sich etwas tut, und dass sie sich für mich einsetzen werden, falls ich verhaftet werde.
Die Werft, die hat mir mehr gegeben als mein ganzes Leben, bis dahin hatte mir ja noch niemand etwas gegeben. Ich konnte mich nicht mit meinen Eltern hinsetzen und ernsthaft über meine Probleme reden. Ich höre von Jacek Kuroñ, und er wird fast ein Gott für mich. Und später wird er ein Freund.

Er hat in seinen Erinnerungen sehr schön von Ihnen geschrieben.

Ich habe ihn sehr, sehr gern gehabt, das sage ich nicht deshalb, weil er über mich geschrieben hat. Jacek Kuroñ konnte erzählen, und ich hörte gern zu. Zusammen mit Andrzej Gwiazda war ich für die Forderung nach Befreiung der politischen Häftlinge verantwortlich. Für mich war das eine Ehrensache. In dem Film Robotnicy 80 [7] ist ein Augenblick verewigt, als Jagielski sagt: »Paraphieren wir diesen zweiten Punkt!«, und ich sage: »Nein, ich bin dagegen! Zuerst kommen die Leute aus dem Gefängnis, vorher paraphieren wir gar nichts. Etwas anderes kommt gar nicht in Frage!« Dann redet er mit Wa³êsa, und Wa³êsa sagt: »Also gut, paraphieren wir!« Und ich sage: »Für Christus!« und mache so.

Sie haben ihm die Feige gezeigt?

Klar, darüber hab ich ein Dokument, das hat sich nicht einer bloß ausgedacht.

Es kommt in dem Film Robotnicy 80 vor.


Den haben die Filmleute mir gebracht, ich konnte es lange nicht finden. Ich weiß nicht, ob Ihnen das klar ist, aber nach meiner Feige hat der Streik zwei Tage länger gedauert. Sonst wäre er früher zu Ende gewesen.

Wieso das?

Sie mussten die Gespräche mit uns erst mal abbrechen, wegfahren und beschließen, ob die politischen Häftlinge freigelassen werden durften. Sie sind irgendwohin gefahren und haben den Beschluss gefasst.

Wa³êsa wollte den Punkt streichen?

Wir waren alle erschöpft. Ich will nicht sagen, dass Wa³êsa das streichen wollte. Wie sollte ich meinen Kollegen irgendwelche Vorhaltungen machen? Ich sage nicht, dass wir die Helden von Stalingrad waren, verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber wir sechzehn, wir haben wirklich schwer gearbeitet und nicht geschlafen. All diese Tage über habe ich nachts vielleicht 20, 25 Minuten geschlafen, nicht mehr. Eine Delegation kam, sie mussten empfangen, mit Essen versorgt werden, wir mussten ihnen Schlafgelegenheiten herrichten. Das war ja nicht so, dass wir da saßen und nichts taten. Diese sechzehn waren für die ganzen Leute dort verantwortlich. Wenn der Streik schiefgegangen wäre, dann hätten wir heute keinen Lech Wa³êsa, aber wir hätten auch nicht die Freunde von Lech Wa³êsa, die wären bestimmt alle irgendwo an die Wand gestellt worden. Die ganzen Werftarbeiter hätte man nicht ruhig stellen können, aber diese sechzehn, die hätte man schon mit Fußtritten rausbefördern können. Wir wussten genau: wenn wir Fehler machen und nachgeben, dann sind wir vor allen anderen dran. Uns hatten die Leute gewählt.

(…)

Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, wie auf der Werft die Namen von Leuten gebrüllt wurden, die Besuch bekamen. Mütter, Frauen, Freundinnen, Kinder kamen, die ihnen Fresspakete brachten, weil wir ja nichts zu essen hatten. »Kudla Robert!« wird einer gerufen, keiner kommt, da ruft die Frau mich zu sich und drückt mir die Brote in die Hand. »Bitte, ich hab Sie an der Stimme erkannt, bitte nehmen Sie das von mir an.« »Für wen haben Sie es denn gebracht?« »Für meinen Sohn, aber die ganze Zeit ruft man schon nach ihm, und er kommt nicht.« »Er wird schon kommen.« Und sie darauf: »Ach nein, nehmen Sie trotzdem das Brot. Ich bitte Sie.« Mir kamen wirklich die Tränen, das war so überwältigend. Für mich waren die Leute dort eine einzige große Familie. Es spielte gar keine Rolle, wem eine Mutter etwas gebracht hatte, wenn derjenige nicht kam, dann gab sie es eben einem anderen.

(…)

Und wie sah die Arbeit in der Gewerkschaft weiter aus? Um zehn Uhr morgens wird festgelegt…


Da besprechen wir, was wir machen. Wer wohin fährt, zu welchem Betrieb, wer dies macht, wer jenes, manchmal ergeben sich die verschiedensten Dinge. Nehmen wir an, da kommen Jungs aus Posen und sagen: »Henka, komm, wir haben einen Streik, aber wir haben keinen, der so richtig führen kann, komm mit uns.« Dann hatte man gar keine Zeit zu überlegen. Ich rufe Lech oder Bogdan Lis an und sage: »Hört mal, ich bin jetzt weg, ich fahr zum Streik nach Posen.« »In Ordnung, tschüss, alles klar.« Ich steige ins Auto, fahre nach Posen. In Posen schlafe ich fünf Tage nicht, sitze in einem Betrieb, formuliere Forderungen. Der Vorsitzende der Bezirksregierung will nicht mit mir reden. »Na gut, dann geh ich eben«, sage ich. Draußen vor dem Fenster schreien die Leute: »Wenn sie geht, verdammt noch mal, dann werden wir einen Galgen aufstellen und dich aufknüpfen, du alter Sack!« Manchmal musste man die Leute zurückhalten, weil sie so entflammt waren. Man musste für sie denken, damit es nicht zu einer Tragödie kam.

(…)

Irgendwann kam ich spätabends nach Hause und, kaum war ich eingeschlafen, da hämmert jemand an meine Tür, noch ganz benebelt steh ich auf und gehe zur Tür, da schreit meine Nachbarin: »Henka, es ist Krieg!« Das werde ich bis an mein Lebensende nicht vergessen. Ich setzte mich im Nachthemd auf mein Bett und denke: »Guter Gott im Himmel, Krieg!« Ich schalte den Fernseher ein, nichts. Das Radio ist auch tot. Was wird hier gespielt? Ich warte, höre schließlich Jaruzelski, der den Kriegszustand verhängt.
Wohin jetzt? Wenn ich zum PKS gehe, werden sie mich einkassieren. Ich hatte eine Freundin auf dem Land, sie war auch Verbindungsperson auf der Werft gewesen, vielleicht zu ihr? Nein, da holen sie mich auch. Ich warte. Sie kamen nicht an diesem Tag sondern erst am nächsten. Sie fassten mich nicht an, keiner hob auch nur den Finger gegen mich. An diesem Tag passierte nichts. Sie suchten in der Wohnung, guckten in die Schränke, dann gingen sie wieder. Als wäre eine Bekannte gekommen, die bei mir in den Ecken schnüffeln wollte. Danach gab es Durchsuchungen, sie schütten meinen Zucker aus, die Grütze, fast alles, was ich hatte. Als der Kriegszustand ausgerufen wurde, hatte ich keinen Groschen. Der Vater meiner Freundin Ma³gosia aus der WPK arbeitete in einer Schlachterei, sie brachte mir manchmal ein Stück Blut- oder Leberwurst. Als sie zum ersten Mal kam, sagte sie: »Ich hab dir was mitgebracht, gib ein Stück Brot.« Ich sagte, ich hätte noch keins gekauft. »Dann gib mir Geld für Brot, ich geh und hol dir was.« Schließlich musste ich zugeben, dass ich nichts hatte. Da ist sie gegangen und hat mir ein halbes Brot gekauft.

Und Sie hatten mit niemandem Kontakt?

Nein, später geriet ich in diesen ganzen Wirbel. Wir konnten ausnutzen, dass ich schwanger war, da konnte ich mich verabreden, Papier, Alkohol, Druckerschwärze und so weiter bringen. Ich wusste, wo die Druckereien waren. Ich machte das mit Stefek zusammen.

Mit Stefek?

Ja, Lewandowski. Auch einer der Unterzeichner der Augustabkommen. Dann war diese Sache mit der Walze für die Vervielfältigungsmaschine. Jemand hatte sie bei mir gelassen, und ich hatte sie in die Bettcouch gelegt. Sie sah aus wie eine Teigrolle, nur mit Lagern natürlich. Da liegt sie also so vor sich hin. Sie kommen wieder, neue »Revision«. Diese Durchsuchungen, die kamen und gingen, aber bei einer Revision, da wurde alles rausgerissen, alle Klamotten raus aus dem Einbauschrank. In der Küche fliegt alles durch die Gegend, die Zuckertüte segelt ins Wohnzimmer. Es war eine Einzimmerwohnung, ein winziges Wohnzimmer, ganz kleine Küche. Sie rennen rum, wüten. Einer hebt die Walze hoch. Guckt sie an und sagt: »Was ist das?« »Eine Rolle.« »Was für eine Rolle?« »Für Teig.« Er nimmt sie in die Hand: »Mit Lager?« »Ja, die hat mein Mann mir so gemacht.« Die Nackenhaare sträubten sich mir vor Angst. Aber der legt die Rolle zurück, macht die Bettcouch zu, und sie gehen. Ich wohnte an einem Treppenhaus, wo man unten im Keller von einem Aufgang zum anderen durchgehen konnte. Ein Bekannter kommt zu mir und sagt: »Henia, weißt Du, dass diese Ratte da unten steht?« Und ich sage: »Ja, ich weiß, und weißt du, was ich hier habe – diese Walze für die Vervielfältigungsmaschine.« Er nimmt die Walze mit, kaum eine Viertelstunde später kommen sie wieder. Sofort zur Couch, sie klappen sie auf: »Wo ist die Rolle?« »Was für eine Rolle?« »Die Teigrolle.« Ich gehe in die Küche, hole meine Teigrolle. »Bitte, hier.« Da haben sie mich vermöbelt, aber so vermöbelt, das lässt sich nicht beschreiben. Und dann haben sie mich da liegenlassen.

Sie haben Sie zu Hause zusammengeschlagen und dann liegenlassen?


Ja. Sie haben mich liegenlassen und sind gegangen. Dann hatte ich eine Fehlgeburt.

Ein, zwei Wochen später kamen sie zu mir, legten einen Brief auf den Tisch und wollten, dass ich unterschreibe. Ich sage – kommt gar nicht in Frage. Ich hatte zwei wunderbare Lehrer. Der eine war Jacek Kuroñ. Er sagte immer: »Wenn sie dir sagen, du sollst nehmen, unterschreib nie. Wenn sie dir sagen, du sollst geben, unterschreib auch nie. Niemals. Du darfst nie etwas unterschreiben.« Der andere Lehrer war Andrzej Ko³odziej. Auch er sagte: »Henka, du darfst nie etwas unterschreiben. Und wenn du sitzt, dann denk an das, worin du verdammt noch mal am gescheitesten bist…« – das waren Andrzejs Worte – »dann verquatschtst du dich auch dann nicht, wenn Du eine Wahrheitsspritze oder so was kriegst.« Deshalb nahm ich nie etwas an, egal was sie mir gaben, keine Suppe, nichts. Ich war nicht interniert, aber ich wurde achtundvierzig Stunden lang festgehalten, dann ließen sie mich bis zur nächsten Ecke gehen und nahmen mich wieder für achtundvierzig Stunden in Arrest. Ich habe nie etwas unterschrieben. Da kann man heute bei mir wühlen, so viel man will. Aber es sind ja ohnehin so viele Papiere verbrannt. Schon in den neunziger Jahren war jemand bei mir, der bei der Verbrennung der Papiere im Bezirksamt mitgemacht hatte, da war auch meine Akte beigewesen. Es ist soviel verbrannt worden, dass man bei den Verkehrsbetrieben keine Spur mehr davon finden konnte, dass ich dort gearbeitet hatte. Ich musste Zeugen beibringen, die aussagen konnten, dass ich überhaupt dort angestellt gewesen war… Na ja, jedenfalls bekam ich bei dieser Visite einen Schrieb zur Unterzeichnung vorgelegt, der mich anwies, Danzig zu verlassen und mir verbot, in der Volksrepublik Polen einer Arbeit nachzugehen, das muss so um den Jahreswechsel 1983-84 gewesen sein.

(…)

Und gleich danach kam dann meine Mutter nach Hause, sie war auf dem Land gewesen und erzählte mir, dass dort eine Freundin von mir gestorben war. Sie war gestorben und hatte einen Haufen Kinder hinterlassen. »Also, eins von den Kindern ist ein ganz kleines Mädchen, ich hätte sie sogar mitgenommen, aber sie wollte nicht weg.« Ich hörte zu und sagte: »Verdammt, da fahren wir hin.« Also sind wir hingefahren und zum Vater von der Kleinen gegangen, ich hab ihn überredet und Agnieszka mitgenommen. Die Adoption habe ich selbst in die Wege geleitet, das hat vielleicht zwei Monate gedauert. Ich weiß bis heute nicht, warum das bei den Kinderheimen so viele Jahre dauert. Auf diese Weise bekam ich also mein ersten Kind. Später starb meine Nachbarin, um die ich mich in der letzten Phase gekümmert habe, und Jasia verbrachte da schon mehr Zeit bei mir als bei ihr. Die Tante, die ihn zu sich nehmen sollte, sagte in der Verhandlung, sie wolle ihn nicht, da war ich Zeuge. Was sollte ich da machen? Der Richter sagt: »Mein Kind, es tut mir sehr leid, aber du musst ins Kinderheim.« Na ja, da hab ich gesagt, dass ich ihn nehme.
Ich ging nach Hause. Krysiek [8] war auf der Arbeit, ich denke bei mir: »Gott im Himmel, er schlägt mich tot.« Da hab ich ihm gekocht, was er am liebsten hatte, den ganzen Nachmittag über hab ich mich damit gemartert. Krysiek kam nach Hause, ich stell ihm das Essen hin und sage: »Krysiek, wir haben jetzt zwei Kinder.« »Wieso das denn?« »Ich hab Janek angenommen.« »Wirklich? Prima!« Da hatte ich also schon das zweite Kind. Und dann kam meine Ola, die jetzt auch ein Familienkinderheim aufbaut. Als wir sie gefragt haben: »Liebe Ola, warum willst du das machen?« hat sie gesagt: »Papa, ich will anderen Kindern das geben, was ich von euch bekommen habe.«

Und woher kam Ola?

Aus dem Kinderheim.

Wie seid ihr darauf gekommen?

Agnieszka war klein, und ich wusste, dass ich keine Kinder mehr bekommen konnte. Sie wollte so gern eine Schwester haben. Da haben wir Ola zu uns genommen. Ola war zehn, als wir sie angenommen haben. Agnieszka war schon sieben, die Kinder waren zu dritt. Bevor wir Ola angenommen haben, war ich in den Bieszczady auf einem Urlaub mit pädagogischer Leitung. Das war für Frauen, die Kinder adoptiert hatten. In diesem Urlaub stellte ich fest, dass die Mütter eigentlich deshalb kamen, weil sie dort mit anderen Frauen plaudern, gemütlich Kaffee trinken wollten. Natürlich wollten sie auch mit den Kindern spazieren gehen, aber nicht länger als eine Viertelstunde. Sie wussten nichts, worüber sie mit den Kindern reden sollten. Ich schlug vor: »Kinder, sollen wir in die Berge gehen?« »Ja!« alle waren dafür. Die Mütter gingen ein Stück mit, dann kehrten sie zurück, und ich lief mit den Kindern weiter, einmal ganze 16 Kilometer, so hab ich sie gescheucht. Dann war ich böse auf mich selbst, die Kinder waren völlig erschöpft, als wir zurückkamen. Ein Becken war da für Löschwasser, das haben wir saubergescheuert, und die Kinder konnten baden. Endlich hatte ich das gefunden, was ich immer hatte machen wollen. Eine Frau kam zur Visite, die arbeitete bei dem Ableger einer staatlichen Behörde, der sich mit Familienkinderheimen beschäftigte. Sie hörte, wie die Kinder am Ende des Urlaubs Gedichte und Lieder über mich machten. Die Frau kam auf mich zu und sagte: »Frau Henia, sie sollten ein Familienkinderheim gründen. Wir geben Ihnen ein möbliertes Haus, voll eingerichtet.« Ich kam aus den Ferien und lag meinem Krysiek dauernd damit in den Ohren: »Komm Krysiu, lass uns das machen, wir gründen so ein Heim und nehmen mehr Kinder an, das wird so schön, bestimmt.« »Henia«, sagte er dann, »das sind doch keine Pingpong-Bälle, das musst du dir gut überlegen. Bälle kann man abschmettern, Kinder aber nicht. Ein Kind, das bei dir ist, muss auch bei dir bleiben.« Ich erzählte meiner Schwiegermutter von der Idee. »Weißt du was«, sagte ich zu ihr, »ich würde so gern ein Familienkinderheim gründen.« Meine Schwiegermutter sagte: »Klar – wenn es Kinder gibt, denen man helfen muss, auf jeden Fall. Wenn du Hilfe brauchst – ich kann dir helfen.« Das war ein Argument. Krysiek war einverstanden.
Es gab dann alle möglichen Probleme. Wir bekamen immer die schwierigen Kinder. Wir haben sie uns nie ausgesucht. Aber sie blühten auf. Ich sah, wie sie zu mir kamen, ganz verschorft, verkümmert, sie nässten sich ein, dann blühten sie auf. Ich hatte gedacht, es würde eine wahnsinnige Arbeit, aber wie sich zeigte, brauchte man nur ein bisschen Herz, und ein Kind gibt das doppelt und dreifach zurück.
Ich bemerkte auch, dass ich selbst mich veränderte, ich merkte, dass die Kinder mir Manieren beibrachten, mich lehrten, über alles, was ich tue, nachzudenken. Alles geschah unter ihrem Aspekt. Was ich auch tat, ich tat es fünfmal ruhiger als früher. Alles war ausgewogen. Nicht Krzysztof und ich erzogen die Kinder, sie brachten uns alles mögliche bei. Ich war da angekommen, wo ich hingehörte, dieses Leben erfüllte mich ganz und gar. Wenn die Kinder kamen, hab ich ihnen nicht nur das Köpfchen gestreichelt. Ich sorgte dafür, dass die Kinder, die wir aufnahmen, auch Vater und Mutter hatte, zumal Krzy¶ ihnen ja auch seinen Namen gab. Und hinzu kommt noch etwas, was ich Krzysztof selbst nie sage, weil ich der Meinung bin, man solle einen Mann erst nach seinem Tode loben, aber Krzysztof war noch ganz jung, als wir dieses Haus gründeten. Ich war schon über dreißig, doch er ist zwölf Jahre jünger als ich. Er war ein junger Kerl, gerade aus dem Militärdienst entlassen. Aber er nahm sie an der Hand, ging mit ihnen spazieren, im Winter schlittenfahren, es war eine Freude zu sehen. Das war wirklich unglaublich. Bis heute ist er so.
Zuerst also haben wir die ersten drei: Jasia, Ola und Agnieszka. Danach habe ich noch fünf angenommen.

In welchem Jahr war das?


1994, im Dezember. Ich habe das Haus gegründet und bekam sofort fünf Kinder zugewiesen – ein Alptraum. Wenn ich heute daran denke! Mein Gott! In sooo großen Töpfen hab ich gekocht. Lukasz war zwei. Die ganze Nacht hat er gebrüllt: »Fräulein Emilka!« Er war an ein Fräulein Emilka gewöhnt. Die ganze Nacht hab ich dagesessen und ihn gewiegt, morgens konnte ich kaum aus den Augen sehen vor Müdigkeit und hatte diesen Wust Arbeit vor mir. Das waren fünf kleine Kinder von zwei, drei, vier, fünf und sechs Jahren. Es war wirklich katastrophal, aber dann hatte ich eine Idee. Ich hatte einen alten Kinderwagen. Ich badete die Kinder, dann legte ich erst Lukasz in den Wagen und sang, ›Du hast mir mein Herz geraubt‹. Ich schaukelte das eine in den Schlaf, legte es ins Bett, nahm das nächste. Am Anfang hab ich nachts überhaupt nicht geschlafen, nur tagsüber eine Stunde. Jedes Kind litt an Hospitalismus. Lukasz schaukelte sich hin und her, Patrycja hockte auf den Knien und rieb das Köpfchen am Kissen, sie war ganz kahl davon. Man musste sich etwas ausdenken, dass dem Kind Haare wuchsen. Ich machte ihr eine Rotkäppchenmütze, in der Mütze schlief sie. Die Mütze war bald ganz abgewetzt, aber die Haare wuchsen. Ich musste mir alles mögliche ausdenken. Heute kann ich darüber lachen, die Kinder sind groß, das ist alles erledigt, aber es war wirklich ein sehr harter Brocken.

Und dann kam das sechste Kind?

Ich bekam die Papiere der Kinder und darin stand, dass in der Familie noch mehr Geschwister waren. Ich begann, nach den Geschwistern zu suchen. Ich telefonierte an den Waisenhäusern herum und suchte Monika Radkowska, dann stellte sich heraus, dass sie einen anderen Namen hatte. Aber eines Tages bekam ich einen Anruf von der Direktorin eines Kinderheims in Tczew an und sagte: »Ich habe hier eins von den Radkowski-Kindern, das Mädchen möchte so gerne die Geschwister sehen.«

Wie alt war sie?

Vierzehn, fünfzehn. Sie kam zu uns nach Hause. Der Samstag verging, dann der Sonntag. Am Montagmorgen hätte sie abreisen müssen, aber sie sitzt am Tisch und sagt: »Ich würde so gerne hier bleiben.« »Na gut«, sage ich , »aber du musst wissen – eine Prinzessin wirst du hier nicht sein. Du musst wissen, dass du keinem Kind etwas tun darfst, ist das klar?« »Hm, ja.« »Und du musst dir überlegen, wie du mich ansprechen willst. Du kannst Frau Henia oder Tante zu mir sagen, aber ich will nicht, dass du mich duzt.« »Ich will das sagen, was die anderen Kinder sagen.« Die sagten aber »Mama« zu mir. Wir warteten, bis Krzysztof nach Hause kam, sie setzte sich zu ihm an den Tisch und sagte: »Papa, ich will hier zu Hause bleiben.« Am nächsten Morgen fuhren wir in ihr Kinderheim und sie sagte: »Ich will bei meinen Eltern sein.« Heute ist sie selbst Mutter, hat zwei Kinder, ich kann kein schlechtes Wort über sie sagen. Ich hatte dieselben Schwierigkeiten mit ihr, die andere mit ihren heranwachsenden Töchtern haben, sie rebellierte, wenn ich sie nicht in die Diskothek lassen wollte. Aber ich habe auch nie ein böses Wort von ihr gehört. Sie war die älteste, die ich angenommen habe, die anderen waren ja alle ganz klein. So war das.

Zählen wir mal – anfangs waren es drei…

Ja, das war noch als Ersatzfamilie. Später kamen noch neun, davon waren sechs Radkowskis, insgesamt also zwölf…

Wie das?

Als wir neun hatten, konnten wir keine Kinder mehr aufnehmen. Gienek nahmen wir allerdings doch noch. Aber dann rufen sie wieder aus dem Heim an und sagen: »Wir haben hier zwei kleine Jungen, die Kinder sind schrecklich verwahrlost. Waren wochenlang allein zu Hause, sind ausgehungert und überhaupt sehr hilfsbedürftig.« Ich sage zu den Kindern: »Da sind zwei kleine Jungs, die ein Zuhause brauchen.« »Ach, Mama, nein«, sagt meine Monika sofort, »vielleicht später.« »Na gut«, sag ich, »ich fahr nur hin, um sie mir anzugucken.« Mein Mann und ich sind gefahren, und der Direktor hat die Jungs gebracht. Und mein Tomek, der ist jetzt achtzehn, kommt rein und sagt: »Ach, Mama, ich bin so froh, dass du mich abholst!« Was sollte ich da machen? Wir haben sie mit nach Hause genommen. Monika gleich: »Ich hab’s gewusst! Ich hab’s gewusst!« Danach hab ich meinen Kindern versprochen, dass ich jetzt wirklich kein Balg mehr aufnehmen werde. Doch dann hörte ich wieder von Kindern, die ein Zuhause brauchten, und ein paar Kinder gingen ja auch nach und nach aus dem Haus…

Und dann?

Meine Ola macht jetzt auch ein Familienkinderheim, die Kinder, die zu meinen Mädchen »Tante« sagen, möchte ich dorthin geben. Sie hängen sehr aneinander. Ola hat ein eigenes Kind, einen Mann, und ich erkläre den Kindern: »Hört mal, samstags und sonntags hole ich euch nach Hause. Du bleibst wegen der Schule hier, denn hier ist es näher.« Ehrlich gesagt bin ich inzwischen sehr, sehr erschöpft. Ich brauche Ruhe. Es war schwer. Kaum jemand wollte helfen.

(…)

Und wie haben Ihnen diese Veränderungen der neunziger Jahre gefallen? Sie waren kritisch gegenüber dem Runden Tisch, haben diese Wahlen boykottiert, nicht wahr?

Ja, das stimmt.

Sind Sie immer noch der Meinung, dass der Runde Tisch ein Rezept war, das auf die Kommunisten zurückging?

Ich würde mich mit ihnen nicht an einen Tisch setzen und Wodka trinken. Ganz bestimmt nicht. Aber wenn es um die Veränderungen an sich geht, da gefällt mir vieles nicht. Die Sozialhilfe, das ist eine Katastrophe. Ich weiß nicht, vielleicht werde ich in den nächsten Wahlen antreten, ich weiß es wirklich nicht, denn diese Sozialhilfe, die geht mir wirklich gegen den Strich. Zum Beispiel diese Familienrettung, wo Kinder von zu Hause weggeholt werden. Ich meine, man muss den Familien helfen. Klar, nicht alle Kinder sind süße Zuckerpüppchen. Es gibt Kinder, die lassen sich nicht lieben, die tragen von Geburt an so einen Zorn in sich. Und diese Kinder kommen nur von einer Pflegefamilie zur anderen, und was bleibt davon übrig? Keine Zugehörigkeit, nichts. Aber wenn wir statt dessen den Familien helfen würden… Ich kenne Fälle, wo der Mutter die Kinder nur deshalb weggenommen wurden, weil sie in so bitterer Armut lebte.

Sind Sie der Meinung, dass Armut den Boden für Pathologien bereitet?


Aber sicher. In diesem Jahr gehe ich in Rente, und ich kriege vielleicht 600 Z³oty für meine ganze Arbeit. Ein junger Mensch, der nach dem Schulabschluss arbeiten geht, bekommt 650 Z³oty. Ich bin auch von der Solidarno¶æ enttäuscht, sie steht nicht wirklich hinter den Leuten. Das ist eine Niederlage auf der ganzen Linie, und das macht mir Kummer.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky
[1] Das Gespräch führte S³awomir Sierakowski. Es erschien zuerst in Krytyka Polityczna 15 (2008).
[2] Gemeint ist die Staatliche Opera Baltycka an den Aleje Zwyciêstwa.
[3] Das Vorspiel der Streiks im August 1980 war der sogenannte Lubliner Monat – eine Welle von Arbeitsstreiks, in denen die Arbeiter der Betriebe der Lubliner Gegend gegen die Erhöhung von Lebensmittelpreisen protestierten. So streikten unter anderem die Arbeiter der Bahnen, der städtischen Verkehrsbetriebe und der Versorgungsbetriebe, und legten damit erfolgreich die gesamte Region lahm. Der Erfolg der Proteste (u.a. Lohnerhöhungen) veranlasste eine Gruppe von Aktivisten der Freien Gewerkschaften der Küstenregion unter Leitung von Bogdan Borusewicz dazu, auf der Danziger Leninwerft für die unterdrückten Gewerkschaftler einzutreten und zu ihrer Verteidung aufzurufen. Am 14. August initiierten sie einen Streik zur Verteidigung von Lech Wa³êsa und Anna Walentynowicz, die beide fristlos entlassen worden waren. Gleichzeitig verlangten sie die Schaffung von mehr Arbeitsplätzen und die Errichtung eines Denkmals zum Andenken der Werftarbeiter, die bei den Unruhen in der Küstenregion im Jahre 1970 getötet worden waren. Diesem Protest schlossen sich rasch z.B. die Regionalen Verkehrsbetriebe in Danzig, die Gdingener Werft »Pariser Kommune« und viele kleinere Betriebe an. Unter dem Druck der Streikenden ging die Leitung der Danziger Werft auf die Forderungen ein. Die Werftarbeiter riefen das Ende des Streiks aus. Zu diesem Zeitpunkt intervenierte Henryka Krzywonos bei Lech Wa³êsa und überzeugte ihn, dass die Beendigung des Streiks im größten Betrieb – der Danziger Werft – es der Regierung erleichtern würde, den Widerstand der übrigen zu brechen. Als Anführer des Protests rief Wa³êsa dazu auf, in der Werft zu bleiben und den Streik im Namen der Solidarität mit kleineren Betrieben fortzuführen.
Am 16. August wird das Überbetriebliche Streikkomitee (MKS) ernannt, das schon am folgenden Tag 21 Forderungen sozialer und politischer Natur formulierte, deren wichtigste die Forderung nach der Schaffung unabhängiger Gewerkschaften war. Dem Protest schlossen sich weitere Betriebe an, auch außerhalb der Baltischen Küstenregion, und auch in anderen Teilen Polens entstanden Überbetriebliche Streikkomitees. Am 23. August erklärte sich die Regierung zu Verhandlungen bereit, und eine Delegation mit dem stellvertretenden Premierminister Mieczys³aw Jagielski kam in die Danziger Werft. Das Danziger MKS seinerseits lud eine Reihe von Beratern ein, darunter Bronis³aw Geremek, Tadeusz Mazowiecki und Jadwiga Staniszkis. Zu den Forderungen der Streikenden kam nun noch die nach Freilassung der in Zusammenhang mit dem Streik verhafteten Oppositionellen, darunter auch Jacek Kuroñ. Von der Erfüllung dieser Bedingung machte das MKS die Unterzeichnung eines Abkommens abhängig. In Stettin und Jastrz±b wurden ähnliche Gespräche geführt.
Nach einwöchigen Verhandlungen versprach die Regierung angesichts des Umfangs der Solidaritätsbekundungen, der breiten Unterstützung der Bewegung in der Gesellschaft und der Hartnäckigkeit der Streikenden die Forderungen zu erfüllen. Die so genannten Augustabkommen, die am 30. August in Stettin, am 31. in Danzig und am 3. September in Jastrz±b unterzeichnet wurden, versprachen nicht nur eine Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen, sondern auch weiterreichende Veränderungen. Dazu gehörte die Erlaubnis zur Schaffung der ersten unabhängigen Organisation zum Schutz von Arbeitern im Ostblock, die Unabhängige Arbeitergewerkschaft Solidarno¶æ. Doch schon am 13. Dezember 1981 wurden anlässlich der Ausrufung des Kriegsrechts Tausende von Angehörigen dieser Gewerkschaft verhaftet, die Gewerkschaft selbst wurde als illegal erklärt und agierte von da an im Untergrund.
[4] Die freien Gewerkschaften waren eine oppositionelle Arbeiterorganisation, die erste dieser Art in der Geschichte der Volksrepublik Polen. Sie waren im Februar 1978 in Niederschlesien auf Initiative von Boles³aw Cygan, Roman Ksciuczek, W³adys³aw Sulecki und Kazimierz ¦witon entstanden. In der Küstenregion wurde die Freie Gewerkschaft am 28. jenen Jahres ins Leben gerufen, zu den Gründern gehörten Bogdan Borusewicz, Joanna Duda-Gwiazda, Andrzej Gwiazda und Krzysztof Wyszkowski, bald darauf schlossen sich auch Lech Wa³êsa und Anna Walentynowicz an. Die Aktivisten der Freien Gewerkschaft waren an der Organisation der Streiks im August 1980 beteiligt und beteiligten sich anschließend auch aktiv an der Gründung des Unabhängigen Autonomen Gewerkschaft (NSZZ) Solidarno¶æ, zuvor hatten sie mit der Bürgerrechtsbewegung KSS-KOR (KSS = Komitet Samoobrony Spolecznej – Komitee für gesellschaftliche Selbstverteidigung; KOR = Komitet Obrony Robotników – Komitee zum Schutz der Arbeiter) zusammengearbeitet. Ziel der der Freien Gewerkschaften war der Schutz der Arbeiterrechte und der Kampf für ihre Interessen unabhängig von den offiziellen Gewerkschaften. Die Aktivisten der freien Gewerkschaften wurden dafür mit brutalen Repressionen bestraft. Sie organisierten Arbeiterproteste und gaben eine Untergrundzeitung heraus, den schlesischen Robotnik (Arbeiter) und den Robotnik Wybrze¿a (Arbeiter der Küstenregion).
[5] Der Priester Henryk Jankowski, damals Gemeindepfarrer an der Brigittenkirche, hielt am 17. August 1980 eine Messe für die streikenden Werftarbeiter.
[6] Ewa Milewicz studierte Jura an der Warschauer Uni, war an den Ereignissen im März ‘68 beteiligt, Mitglied der KSS-KOR, beteiligt am Streik der Danziger Werft im August 1980, Mitbegründerin des Untergrundverlags NOWA, Redakteurin des Tygodnik Mazowsze (nach 1982) und des Bulletins Dokumenty i informacje. Seit 1989 ist sie Journalistin bei der Gazeta Wyborcza. 
[7] Robotnicy ‘80 (Arbeiter 1980) ist ein Dokumentarfilm von Andrzej Chodakowski und Andrzej Zajackowski über den Streik und die Verhandlungen der Solidarno¶æ im August 1980.
[8] Krzysztof Strycharski, ihr zweiter Mann.

Der Text wurde auf Deutsch in „Transit: Europäische Revue” nr. 37/2009 veröffentlicht.
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky.
Das erste Mal erschien der Text in „Krytyka Poliytyczna” Nr. 15 unter dem Titel „Tramwajem do domu dziecka”.

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